Festland-Australien

15.03.

Wir stehen halbwegs früh auf, denn wir haben heute Termine. Wie anstrengend so ein freies Jahr sein kann. Wenn ich das vorher gewusst hätte… Erstmal verschwinden wir abwechselnd in der Dusche. Am Kühlschrank hängen Karten für den Nahverkehr in Melbourne, die müssen allerdings noch aufgeladen werden. Also begeben wir uns zur nächsten Tankstelle mit eingebautem 7-Eleven, wo wir die Karten aufladen können. Glücklicherweise gibt’s hier auch Sandwiches und Kaffee, damit ist für ein schnelles Frühstück gesorgt. Was nicht ganz so gut läuft, ist, dass der Bus viel zu lange brauchen würde, um noch rechtzeitig für die geführte Fahrradtour in der Innenstadt zu sein. Also rufen wir ein Uber und haben uns so genug Zeit erkauft, um uns am Treffpunkt unserem Frühstück widmen zu können.

Vor dem Fahrradverleih, der auch die Tour anbietet, muffeln wir unsere Sandwiches und ich trinke meinen Kaffee. Das Sandwich muss wirklich gut sein, denn es besteht aus realen Zutaten – was auch immer die Alternative gewesen wäre… Dann melden wir uns an und nutzen nochmal die Toilette ums Eck. Anschließend werden uns Helme und Warnwesten verpasst – der Helm ist Pflicht, die Westen sind hilfreich, um in der Stadt nicht verloren zu gehen. Jetzt nur noch das Fahrrad auf die Körpergröße einstellen, den Reifen einen letzten Stoß Luft verpassen und dann kann der vierstündige Ritt schon losgehen.

Mit uns auf der Tour ist ein älteres amerikanisches Pärchen, beide sind etwas beleibter. Sie hat eigentlich ein E-Bike gebucht, kommt damit aber überhaupt nicht klar und endet somit auf einem normalen Fahrrad. Im weiteren Verlauf wird das die Gruppe hier und da noch ein bisschen ausbremsen. Außerdem hat sie eine recht eigenartige Weise, das Rechtsabbiegen anzuzeigen. Als Deutscher würde ich mich nicht trauen, den rechten Arm so zu recken. Als Amerikaner ist das vielleicht OK. Unterbewusst versuche ich trotzdem jedes Mal wegzugucken, wenn sie rechts abbiegt.

Die Tour führt uns quer durch die Stadt. Zuerst sind wir in Southbank, wo direkt am Yarra River die Wolkenkratzer des Bankenviertels stehen. Uns wird erklärt, dass die Architektur in Melbourne (ausgesprochen übrigens „Mell-binn“) gern mit der Mode geht. Daher präsentieren sich uns hier Stile aus den verschiedensten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Außerdem erhalten wir Tipps, auf welchem Wolkenkratzer es eine Aussichtsetage gibt, auf welchem Wolkenkratzer man für einen Besuch bezahlen muss und wo man kostenlos zu seinem Ausblick kommt. Am Flussufer stehen schon diverse Stände, die Fan-Artikel für das anstehende Formel-1-Rennen verkaufen. Unser Guide mag das Rennen nicht sonderlich. Die halbe Stadt ist dann immer gesperrt und der Rest ist verstopft und voll mit verkappten Hobby-Rennfahrer, die sich gern auf den öffentlichen Straßen austoben.

Wir überqueren die Sandridge Bridge, an der mit einer Kunstinstallation die Einwanderungsgeschichte Australiens dargestellt wird, und machen uns auf den Weg in das Sportviertel Melbournes. Hier stehen diverse Stadien, unter anderem ein Tennisstadion und ein Cricketstadion, in dem auch Australian Rules Football gespielt wird. Je nachdem, wo man gerade in Australien ist, kann das Wort Football drei verschiedene Bedeutungen haben: Entweder es ist Fußball, wie wir ihn auch in Deutschland kennen, oder es ist Australian Rules Football gemeint oder, aber seltener, American Football. Parallel dazu existiert noch Rugby, der in anderen Bundesstaaten deutlich beliebter ist als Football. Der Cricket Club ist der größte der Stadt und dadurch vergleichsweise wohlhabend. Anscheinend kann man relativ einfach Mitglied werden und dann einige Vorteile im Stadion beim Besuch von Spielen nutzen. Das Tennisstadion steht der Allgemeinheit offen. Man kann dort einfach stundenweise einen Platz buchen und als Normalo im großen Stadion spielen (auch wenn die Ränge vermutlich leer bleiben).

Wir bewegen uns weiter ins Politikviertel, wo der Gouverneur von Victoria sitzt, der der Stellvertreter des Monarchen im Staat Victoria ist. Momentan ist der Posten durch Margaret Gardener besetzt. Die erste europäische Siedlung am Yarra River gründete John Batman, über dessen Brücke wir schon in Tasmanien gefahren sind. Heute gilt er eher als umstritten, weil er sich vor der Gründung Melbournes in Tasmanien aufhielt und dort nicht unbedingt nett zu den Aborigines war, um das mal ganz vorsichtig auszudrücken. Das Gebäude, in dem heute das Standesamt Melbournes sitzt, wurde von einem 19-Jährigen entworfen. Er hatte seinen Entwurf eingeschickt und gewonnen. Erst hinterher stellte sich heraus, dass er noch so jung war und es begann ein Hickhack, ob man so jung überhaupt Gebäude entwerfen und damit Ausschreibungen gewinnen darf.

Wir begeben uns nach Fitzroy, dem hippesten Stadtteil mit den hippesten Menschen. Auf Restaurants folgen hier Bars und darauf folgen Cafés und dann geht’s wieder von vorn los. Es gibt auch viel Street Art, die hier sogar legal ist. Als Graffiti-Künstler kann man sich mit seinem Entwurf an die Street Art-Behörde wenden und Flächen zum Sprühen anfragen. Vor so einem Graffiti, in einer Garage, machen wir eine kleine Pause und nehmen ein Gruppenfoto auf.

Wir erreichen den Queen Victoria Market, stellen die Fahrräder ab und erhalten eine Einführung zur Geschichte des Platzes. Nebenan ist ein Parkplatz, der mal ein Friedhof war. Eigentlich sollte der Markt dorthin erweitert werden, aber die Firma, die vor den Bauarbeiten die Begrabenen umbetten sollte, hat sich zwar das Geld eingesteckt, war allerdings nicht allzu gründlich bei der Bereinigung des Platzes. Der Chef der Firma konnte urplötzlich nicht mehr aufgefunden werden und hat sich vermutlich mit dem Geld ins Ausland abgesetzt. Der Platz wurde dann doch nicht neu bebaut und ist immer noch ein Parkplatz. Außerdem erhalten wir Tipps für Doughnuts und Eiscreme. Dann haben wir 20 Minuten, um uns Mittag zu suchen. Ich kann mich nicht so recht entscheiden. Statt irgendwas Neues auszuprobieren, lande ich bei einem Pulled Pork Sandwich. Lulu will nichts reinschlingen, hat aber eigentlich trotzdem Hunger und ist dementsprechend angefressen. Danach treffen wir uns wieder für die Rückfahrt zur Zentrale und Rückgabe der Fahrräder.

Wir schlendern nochmal runter zum Yarra River und lassen uns für eine Weile in einem Park nieder. Lulu gönnt sich jetzt erstmal einen Müsliriegel gegen das Gröbste. Anschließend schlendern wir weiter – am Fluss entlang und kreuz und quer durch die Stadt, bis wir schließlich in China Town ankommen. Wie schon öfter auf unserer Reise, wirkt auch das Melbourner China Town nicht besonders einladend. Wir suchen einen Bubble Tea Laden auf, der ganz gute Bewertungen hat. Obwohl der Laden relativ leer ist, warten wir eine halbe Ewigkeit. Mit einem Getränk in der Hand schlendern wir weiter und landen fürs Abendessen wieder in Fitzroy. Der Dumpling-Laden, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind, sah gut aus und auch die Bewertungen passen. Wir teilen uns elf herzhafte Dumplings, drei gedämpfte und acht gebratene, mit unterschiedlichen Füllungen. Weil es so lecker war, bestellen wir noch drei süße Dumplings als Dessert. Dann kullern wir wieder aus dem Laden raus.

Jetzt haben wir noch einen Tagesordnungspunkt vor uns: The Old Melbourne Gaol, das ehemalige Gefängnis, wo wir eine Tour mit dem Nachtwächter gebucht haben. Lulu und ein paar andere wollen vor der Tour auf die Toilette gehen. Der Mensch hinter dem Tresen beschreibt den Weg, die Gruppe muss aber im Dunkeln ihr Ziel finden. Das war anscheinend etwas gespenstisch. Als die Tour startet, dürfen wir uns im Dunkeln in einer Reihe im Großen Gang des Zellenblocks aufstellen. Uns wird die Aufnahmeprozedur erklärt, die wir als echte Delinquenten durchlaufen müssten. Erstmal stünden wir hier alle nackt, dann käme der große Wasserschlauch und abschließend eine gute Portion Anti-Läusepulver für jeden. Die Neuankömmlinge gehen für eine Weile in die Einzelzellen im Erdgeschoss, bevor sie später langsam nach oben in die Gruppenzellen aufrücken. Ob man in die erste oder zweite Etage zieht, hängt vom sozialen Stand ab: In der zweiten Etage finden sich Bänker, Anwälte usw. wieder, in der ersten Etage landet das einfache Volk. Eigentlich waren pro Zelle sechs Insassen vorgesehen. Trotz mehrfacher Erweiterung des Gefängnisses war es zu Spitzenzeiten vier- bis sechsfach überbelegt. In einer Einzelzelle wurden also bis zu sechs Leute untergebracht, in den größeren Zellen waren oft 25 bis 30 Insassen anzufinden. Wir sind mit knapp unter 20 Leuten in so einer Zelle und sie heizt sich in den paar Minuten, die wir da drin sind, merklich auf. Zum Glück fehlt in unserer Simulation der Eimer, der damals in der Ecke stand und so etwas wie die Toilette für alle war. Bei Rangeleien, zu denen es unweigerlich immer wieder kam, fiel besagter Eimer auch gerne mal um und verteilte seinen Inhalt quer durch die Zelle. Allerspätestens jetzt ist es in der Zelle nicht mehr nur heiß, stickig und beengt, sondern es käme noch ein gewisser Duft hinzu.

Für die harten Fälle gab es in dem Zellenblock auch einen Galgen, der die letzte Station auf unserer Führung ist. Wir hören Geschichten zu einigen Missgeschicken, z.B. von einem Strick, der zu lang war. Resultat: Beinbruch und zweite Runde mit gekürztem Strick. Aber es gab auch gerissene Stricke und auch der ein oder andere abgerissene Kopf war mal dabei. Auch der berühmt-berüchtigte australische Kriminelle Ned Kelly wurde hier hingerichtet. Dabei sollen seine letzten Worte folgende gewesen sein:

Ah well, I suppose it has come to this. Such is life.
(deutsch: Nun gut, ich schätze, jetzt ist es soweit. So ist das Leben.)

Bisher fand die Führung im Dunkeln mit nur der nötigsten Beleuchtung statt. Der offizielle Teil ist vorbei und das Licht geht an. Wir haben noch ein paar Minuten, um uns frei durch den Zellenblock zu bewegen. Anschließend werden wir wieder in die Freiheit entlassen. Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden. Auf dem ehemaligen Gefängnishof ist irgendeine freudige Veranstaltung mit Flohmarkt, Essen, Getränken und Open-Air-Kino. Wir schlendern aber wieder runter zum Yarra River, wo wir für einen kleinen Absacker eine schwimmende Bar aufsuchen.

16.03.

Wir schlafen aus. Zum Frühstück gehen wir in ein nahegelegenes Café. Das Essen ist lecker, dazu gibt es frischgepresste Säfte und guten Kaffee. Von dort gehen wir zurück nach Hause und hauen uns nochmal aufs Ohr. Anschließend kümmern wir uns um zwei Ladungen Wäsche. Alles, was Wolle ist, darf an der Luft trocknen. Der Rest geht in den Trockner. Nebenbei schreibe ich Neuseeland-Notizen, während Lulu Aktivitäten für die nächsten Tage und Wochen recherchiert.

Plötzlich ist es Abend. Wir drehen noch eine Runde um den Block. Abendbrot gibt es bei Hungry Jack’s, wie die Burger Kings hier landesweit heißen. Wir befreien auf dem Heimweg noch ein paar Snacks aus einem 7-Eleven. Hinterher schaffe ich es tatsächlich noch, einen Blog-Beitrag zu veröffentlichen. Der Abend endet zu Hause mit der Neuverfilmung von Tod auf dem Nil.

17.03.

Auch heute lassen wir den Tag ruhig angehen. Nachdem wir hübsch genug für die Welt da draußen sind, fahren wir zum Queen Victoria Market für ein spätes Frühstück. Am vorgestern angepriesenen Doughnut-Stand ist gerade nicht allzu viel los. Es sind keine Doughnuts, wie wir sie kennen, sondern eher zu klein geratene Pfannkuchen oder zu groß geratene Mutzen mit Marmeladenfüllung – ziemlich lecker. Wir streunern weiter über den Markt und gönnen uns ein kleines Eimerchen mit geschnittener Melone. Unser Frühstück endet mit einem Eis. Auf dem Markt hätte es auch noch viel mehr frisches Obst und Gemüse sowie Fleisch, Wurst, Fisch und Meeresfrüchte gegeben.

Heute haben wir Tickets für die Australian Football League. Melbourne spielt gegen die Western Bulldogs, die aus Footscray kommen, wo auch unsere Unterkunft liegt. Es handelt sich also gewissermaßen um ein Stadtduell und es gibt Applaus bei jedem Tor, egal für welche Seite. Die Fans sitzen bunt durcheinander gewürfelt und es herrscht eine völlig stressfreie Atmosphäre, im Gegensatz zu einigen deutschen Fußballspielen, bei denen ich war. Auf eine Seite des Stadions knallt die Sonne. Sie ist entsprechend spärlich besetzt und der Großteil der Zuschauer tummelt sich auf der schattigen Seite – so auch wir. Wir sitzen für die ersten beiden Viertel kurz unterm Dach. Dann besorgen wir uns Snacks und Getränke und probieren auch nochmal die Sonnenseite des Stadions aus, auf Plätzen etwas dichter am Spielfeld. Ohne Wolken wäre es hier unerträglich, aber mit geht’s.

Nach dem Spiel ist die Gegend rund um das Stadion komplett verstopft. Wir spazieren also erstmal für eine Weile vom Stadion weg. Als wieder regelmäßig Busse an uns vorbeifahren, springen wir bei der nächsten Gelegenheit auf einen Bus in Richtung St. Kilda auf. Wir bummeln eine Weile am Strand entlang, bis zum Sunset Viewing Point, allerdings ist es noch nicht die richtige Tageszeit für Sonnenuntergänge. Stattdessen beobachten wir einen Pelikan. Immer wieder begegnen wir grün gekleideten Leuten. Ein Blick in den Kalender verrät uns auch warum: Es ist Saint Patrick’s Day. Wir flanieren noch etwas an der Promenade entlang. Die Pubs und Bars, an denen wir vorbeikommen, sind komplett überlaufen. Wir bummeln zum unweit gelegenen Albert Park, wo in einer guten Woche das australische Formel-1-Rennen stattfinden wird. Normalerweise führt eine öffentliche Straße um den See im Park. Mit Autos, LKWs, Motorrädern usw. ist nur noch ein sehr kleiner Teil des Parks befahrbar. Für unmotorisierte Besucher ist der größte Teil des Parks noch zugänglich. Nur die Start/Ziel-Gerade ist für die Aufbauarbeiten gesperrt. Wir wandern auf der nördlichen Seite des Sees die Rennstrecke entlang. Die Banden, Kiesbetten, Sicherheitszäune und Tribünen sind schon vorbereitet. Hier und da hängen auch schon irgendwelche Sender/Empfänger und Puschelmikrofone.

Mit der Tram fahren wir in Richtung Unterkunft. Aus einem Supermarkt besorgen wir uns Abendbrot für heute und Frühstück für morgen. Heute Abend gibt es Uncle Ben’s Minutenreis, den wir schon seit den ersten Tagen in Tasmanien mit uns rumtragen. Dazu gibt es fertig gekaufte Hühnchenstreifen und Fertig-Taco-Soße. Anschließend packen wir das Zelt wieder ein, das zum Trocknen rumhing. Dabei fällt uns auf, dass der Unterboden noch in seiner Verpackung schlummert. Den hängen wir dann also noch auf und packen den größten Teil unserer restlichen Sachen, so gut es geht. Als wir das Licht ausmachen, ist es mal wieder kurz vor Mitternacht.

18.03.

Um 3:20 Uhr klingelt der Wecker. Zähneputzen und die restlichen Sachen einpacken. Um 4:00 Uhr steht das Taxi vor der Tür, das uns zum Flughafen fährt. Wir geben die großen Rucksäcke ab. Die Sicherheitskontrolle bestehe ich natürlich mal wieder nicht im ersten Anlauf und das kam so: Ich nehme vorher Uhr und Gürtel ab. Als ich gerade den Laptop aus dem Rucksack ziehen will, sagt der Mann hinter dem Laufband, dass ich alles im Rucksack lassen kann. Auch Uhr und Gürtel kann ich am Mann behalten. Er drückt mir beides wieder in die Hand. Ich gehe also durch den Detektor und darf direkt zur Nachkontrolle. Ich hätte Gürtel und Uhr erst wieder ordnungsgemäß anlegen müssen. Beides in der Hand haltend sind Uhr und Gürtel natürlich viel gefährlicher, weiß ja jeder.

Wir bringen die Zeit rum, bis unser Gate final angezeigt wird. Es ändert sich jedoch nicht mehr und bleibt bei dem, das wir schon vorher wussten. „Alle einsteigen, bitte.“ Diesmal sind auch alle drin, die drin sein müssen und die Polizei wandert auch nicht den Gang auf und ab. Es geht los und ich versuche zu schlafen. Das geht aber nicht bei diesen Sitzen: ich probiere es mit Hohlkreuz und überstrecktem Kopf. Das ist genau so unbequem, wie es klingt. Ich probiere es seitlich, aber da finde ich keinen Halt. Mit dem Kopf gegen die Lehne vom Vordermann gelehnt, tut mir recht schnell der Kopf weh. Dann komme ich eben müde in Perth an, was soll’s…

Nach der Landung in Perth springen alle direkt auf, stehen im Gang rum und es geht weder vor noch zurück. Dann kommt eine Ansage: „Der Ausstieg ist heute nur über die vorderen Türen möglich.“ Wir sitzen fast ganz hinten und so dauert es eine Weile, bis wir in Bewegung kommen. Laut Durchsagen soll es bei der Einreise nach Western Australia eine Bio-Sicherheitskontrolle geben. Wir sehen davon nichts. Ich kann auf den Gängen, die wir bis zum Gepäckband entlanglaufen, auch keine Ecken oder Nischen erkennen, wo so eine Kontrolle angesiedelt sein könnte. Wir sammeln die Rucksäcke wieder ein und sehen uns kurz nach Frühstück um. Das gäbe es, allerdings nur zu Flughafenpreisen (Überraschung!). Da wir nicht allzu hungrig sind, fahren wir einfach zur Unterkunft. Der Busfahrer, der uns vom Flughafen zur nächstgelegenen Bahnlinie bringt, will kein Ticket sehen oder verkaufen. „Ihr müsst euch gleich sowieso eins kaufen, wenn ihr Bahn fahren wollt.“ Da hat er wohl Recht. Dummerweise ist der Automat an der Station kaputt. Es hängt ein Zettel am Automat, man soll sich sein Ticket einfach am Zielbahnhof kaufen. Na gut, dann eben dort. Wir fahren unsere zwei Stationen, besorgen uns ein Tagesticket und laufen den restlichen Weg zur Unterkunft. Dort ist noch niemand zu erreichen, es ist ja gerade erst 9 Uhr. Lulu organisiert jemanden. Es ist Roger, einer unserer Vermieter. Wir dürfen unsere Rucksäcke abschmeißen und lernen dabei auch noch unsere Vormieter kennen. Die beiden sind mit einem Arbeitsvisum in Australien unterwegs. Ebenfalls ganz interessiert an uns ist Huxley, der Hund der Vermieter.

Wir lassen uns ein paar Tipps fürs Frühstück geben und ziehen los in Richtung Stadt. Wir probieren es zuerst bei dem uns empfohlenen Garden Café. Da ist dummerweise montags Ruhetag und es ist natürlich Montag. Also ziehen wir weiter zum nächsten Tipp, dem Kinky Lizard. Das Essen (Mushrooms and Bacon on Toast sowie Avocado on Toast) und der Kaffee sind lecker, die Bedienung ist freundlich, draußen scheint die Sonne… Was will man mehr? Mehrere Polizisten kommen in den Laden. Zum Glück wollen sie nur eine Runde Kaffee.

Mit dem Bus fahren wir in die Stadt und im Prinzip auf der anderen Seite direkt wieder hinaus, um nach Fremantle zu gelangen. Dort besuchen wir den Friedhof und suchen das Grab von Bon Scott auf, der von 1974 bis ’80 Sänger bei AC/DC war. Er hat seinen eigenen Eingang. Sein Grab ist mit allerhand Fan-Utensilien geschmückt, unter anderem kleinen Schnapsfläschchen. Ich finde das etwas makaber, für jemanden, der nach einer durchzechten Nacht an den Folgen des Alkoholkonsums gestorben sein soll. Wir laufen noch den Fremantle Cemetery Heritage Walk ab. Der Friedhof ist zwar schon zweimal umgezogen, auf dem Spaziergang kann man aber viele alte Gräber sehen, die mit dem Friedhof umgezogen sind.

Vom Friedhof laufen wir weiter gen Westen, bis nach Fremantle hinein und an die Küste des Indischen Ozeans. Es weht eine steife Brise, aber die Sonne scheint, sodass es sich aushalten lässt. Am Hafen steht eine Statue von Bon Scott, die wir besuchen. Von dort gehen wir gegenüber ins Schiffswrack-Museum. Der Eintritt ist kostenlos. Es erzählt die Geschichten von Schiffen, die hier auf Grund gelaufen oder an einer der vorgelagerten Inseln zerschellt sind. Das Kronjuwel des Museums ist vermutlich das Heck der Batavia, die unter der Flagge der Verenigde Oostindische Compagnie segelte. Außerdem gibt es noch allerhand Töpfe, Besteck, Nägel, Schmuck, Kleidung usw. zu sehen. Es fühlt sich ein bisschen nach dem Vasa Museum in Stockholm an, das wir letztes Jahr besucht haben (liebe Grüße nach Göttingen, an dieser Stelle).

Vom Museum gehen wir direkt nebenan zum Round House, dem ältesten, noch erhaltenen Gebäude in Western Australia. Natürlich begann es seine Geschichte als Gefängnis. Heute steht davor (von der Seeseite aus betrachtet) ein großer Flaggenmast. Daran sind immer die Flaggen Australiens, der Aborigines, Fremantles und des Hafens zu sehen. Außerdem wird beim Einlaufen internationaler Schiffe die Flagge des Herkunftslandes des Schiffes für zehn Minuten gehisst. Um 13 Uhr wird ein Ball vom Mast fallengelassen, damit alle umliegenden Schiffe ihre Uhren synchronisieren können. Vermutlich ist es technisch nicht mehr notwendig. Dafür sollte es mittlerweile eigentlich andere Mechanismen geben.

Wir tingeln weiter nach Cottesloe. Dort findet aktuell ein Skulpturen-Festival am Strand statt. An der Mole kann man ganz schön nass werden, wenn die Wellen dagegenpeitschen. Während wir trocknen, holen wir noch jeder ein Eis und begeben uns zum nächstbesten Supermarkt. Wir brauchen zwei Mal Abendbrot, Frühstück und Verpflegung für unseren morgigen Ausflug. Der Saft in Weichspülerverpackungen verwirrt uns ein bisschen. Danach geht’s ab nach Hause.

Wir werden Willkommen geheißen, im Vorgarten durch Oliven und Limetten und im Haus dann durch Huxley und Susanne aus Berlin, unsere Vermieterin. Den hinteren Bereich des Hauses mit zwei Schlafzimmern, Toilette und Bad haben wir ganz für uns, da das zweite Zimmer nicht belegt ist. Wir dürfen uns auch noch aussuchen, welches der beiden wir haben wollen, auch wenn wir eigentlich das kleinere gemietet haben. Im großen Wohnzimmer steht ein kleiner Kühlschrank für uns bereit. Die Küche dürfen wir mitbenutzen.

Zum Abendbrot braten wir Tortellini mit Pilzfüllung. Als Dessert gibt’s frische Wassermelone. Nebenbei erzählen wir unsere Geschichte in doppelter Ausführung: Woher sind wir? Wie lange sind wir in Australien? Wo waren wir vorher? Wo wollen wir noch hin? Was kommt nach Australien? Huxley passt die ganze Zeit auf das Essen auf. Nicht, dass was runterfällt und dann weggeschmissen werden müsste. Wäre doch schade… Nachdem wir das alles und noch mehr Susanne erzählt haben, kommt Roger nach Hause und wir fangen nochmal von vorne an. Nach dem Essen verdrücken wir uns müde in unser Zimmer. Es war ein ganz schön langer Tag.

19.03.

Aufstehen, Tagesrucksäcke packen und los geht’s nach Fremantle. Am Hafen besorgen wir uns noch ein Käffchen, checken für die Fähre ein und verdrücken unsere vorbereiteten Sandwiches. Mit etwas Verspätung legt die Fähre um kurz nach 10 Uhr nach Rottnest Island ab. Die Überfahrt ist zum Glück recht ruhig.

Drüben angekommen sammeln wir unsere gemieteten Fahrräder und Schnorchel-Sets ein. Das läuft etwas chaotisch. Am Schalter zeigen wir unsere Buchung vor. „Hier sind eure Fahrradschlösser. Sucht euch mal in der Halle hinter mir zusammen, was ihr braucht.“ Es gibt Fahrräder in diversen Größen und in normal und spezial. Außerdem gibt es diverse Grabbelboxen mit Helmen, Schnorcheln und Flossen. Jeder sucht etwas. Alles wuselt durcheinander. „Wie transportieren wir das Schnorchel-Set?“ „Draußen ist eine große Kiste mit alten Fahrradschläuchen. Damit könnt ihr das Zeug an den Gepäckträger knoten.“ Auch eine Lösung…

Zuerst gucken wir nach dem Stand mit Freiwilligen-Führungen. Dort werden Quokka-Führungen angeboten und eigentlich sind wir nur wegen der kleinen Biester in Western Australia. Die Führung geht aber erst um 14:30 Uhr los. Bis dahin ist noch viel Zeit. Also radeln wir los, mehr oder weniger im Uhrzeigersinn um die Insel. Wir kommen an diversen Buchten, Stränden und Aussichtspunkten vorbei. Wir sehen auch eines der vielen Wracks, die es hier in der Gegend gibt. Dann verabschiedet sich der Kamera-Akku und mir fällt wieder ein, was ich noch erledigen wollte. Der Wechselakku liegt natürlich auch warm und trocken in der Unterkunft. So müssen eben die Handy-Fotos reichen.

Wir fahren weiter in Richtung Leuchtturm. Kurz vor dem Leuchtturm hocken ein paar Leute vor einem Gebüsch. QUOKKAS!!! Wir stellen die Fahrräder an den Straßenrand und hocken uns dazu. Später setzen wir uns hin, beobachten die drolligen Kerlchen und sie beobachten uns. Sie kommen dichter und nachdem wir einen Moment stillgesessen haben, hopsen sie uns fast in den Schoß. Eine Weile und viele Fotos später satteln wir wieder auf und fahren hoch zum Leuchtturm.

Im Schatten eines Sonnenschirms reiben wir uns erstmal mit Sonnencreme ein. Wir genießen die Aussicht und auch hier turnen ein paar Quokkas rum. Am Horizont entdecken wir zwei Rauchwolken. Die eine ist links von Perth, die andere rechts. Waren die eben schon da? Die eine ist etwas kräftiger als die andere. Ob das wohl so gut ist? Ein paar Leute scheinen die Schilder Do not disturb nicht zu verstehen und hetzen die Quokkas unnötig durch die Gegend.

Wir treten auf der Nordseite der Insel unseren Rückweg an. An der Parakeet Bay stoppen wir. Hier liegt eines der auf der Karte ausgewiesenen Schorchelreviere. Es ist also Zeit für den Strand und das Schnorchelequipment. Es sind zwar keine Rettungsschwimmer zu sehen, aber es sind genug andere Leute im Wasser, sodass wir uns vermutlich keine Sorgen machen müssen. Ein Stückchen weiter draußen in der Bucht sehen wir auch das Fangnetz, das Haie und/oder Quallen fernhalten soll. Das Wasser ist recht kühl. Nach einiger Zeit haben wir den Dreh raus, lassen uns einfach nur an der Oberfläche treiben und kriegen auch kaum noch Salzwasser in den Schnorchel. Plötzlich sind wir mitten in einem Fischschwarm, der an uns vorüberzieht. Ich friere irgendwann und gehe raus. Lulu hält noch ein bisschen durch und kommt später nach. Wir sitzen noch ein bisschen am Strand, um in der Sonne zu trocknen. Der Wind bläst immer wieder Sand quer über den Strand und uns in die Gesichter.

Auf dem Weg zurück in den Ort Rottnest schlängelt uns noch eine Schlange über den Weg. Wir bremsen und halten respektvollen Abstand. Sie kommt von links und verschwindet auch direkt nach rechts in die Büsche. In Rottnest geben wir erstmal die Fahrräder ab, dann sind wir die Sorge schon mal los. Das Abgeben wirkt nicht ganz so chaotisch wie das Abholen. Dann bummeln wir noch etwas durch die kleine Einkaufsstraße. Lulu guckt definitiv nicht nach irgendwelchen Souvenirs, denn wer soll die denn den Rest des Jahres durch die Gegend schleppen? Liebe Grüße an Basti und Anne und schon mal viel Spaß auf der Reise von Japan nach Hause. Zu einem guten Badeausflug gehört natürlich auch ein Eis. Deswegen kaufe ich mir eins. Lulu will keins und zieht stattdessen einen Quetschi und einen Apfel aus ihrem Rucksack. Wir suchen uns ein Plätzchen zum Sitzen und beobachten die Quokkas, die hier in der Fußgängerzone ihr Unwesen treiben. Eins sitzt z.B. in der Pfütze unter dem Trinkwasserspender und kühlt sich ab. Es sind auch einige Raben unterwegs, die gierig auf runtergefallene Eiswaffelkrümel schielen.

Die Fähre bringt uns zurück nach Fremantle. Von dem stärker rauchenden Feuer ist nichts mehr zu sehen. Allerdings scheint das schwächere Feuer gewachsen zu sein. Da um uns herum aber niemand besorgt wirkt, versuchen wir uns auch nichts anmerken zu lassen. Feuer scheinen einfach in den Alltag in Western Australia zu gehören. Mit der Bahn fahren wir von Fremantle in die Innenstadt von Perth und sehen uns dort noch ein bisschen um. Es gibt die üblichen Einkaufsstraßen mit den üblichen Geschäften. Mittlerweile ist aber nicht mehr viel los und vieles ist auch schon geschlossen. Wir stoßen auf die Stirling Gardens und laufen einfach mal hindurch bis vor das Gebäude des Supreme Court of Western Australia, dem höchsten Gericht des Bundesstaates. Dafür, dass das Gericht direkt nebenan ist, sitzen und liegen hier sehr merkwürdige Gestalten rum. Aus dem einen Baum kommt Geschrei. Darin sitzt ein ganzer Schwarm grüner Vögel. Auf dem Weg zurück zur Bahn finden wir noch London Court, eine auf alt getrimmte Einkaufsstraße. Ungefähr so sieht die Winkelgasse aus Harry Potter vermutlich auch aus. Nur die Geschäfte sind nicht mal annähernd magisch: Phone Repair, Ugg Boots, Nagelstudio und noch mehr aus ungefähr derselben Kategorie.

Wir streifen noch durch einen Supermarkt, kaufen allerdings nur eine Wassermelone. Dann fahren wir nach Hause. „Habt ihr heute Abend nochmal dasselbe?“ „Nee, die Tortellini haben eine andere Füllung und heute haben wir Soße dazu.“ Susanne lacht. Um das Feuer sollen wir uns keine Sorgen machen, das ist weit genug weg und der Wind steht momentan gut für Perth. Wenn er sich dreht, sollte man die Sache mal im Auge behalten. Solche Feuer kommen öfter mal vor, gerade da draußen. Roger sagt, dass Western Australia momentan durch Überschwemmungen vom Rest des Landes abgeschnitten ist. Susanne hatte gar nichts davon mitgekriegt, nur die Supermarktregale waren merkwürdig dünn bestückt. Western Australia ist also so groß, dass man gar nicht merkt, wenn man abgeschnitten ist. Meine Recherche ergibt, dass Western Australia für sich alleine das zehntgrößte Land der Welt wäre oder etwa sieben Mal größer als Deutschland. Das erklärt einiges.

20.03.

Aufstehen, duschen, Sachen fürs Fliegen packen. Zum Frühstück gehen wir nochmal zum Kinky Lizard. Wir beide probieren ein neues Gericht: Chicken Popcorn Eggs Benedict für mich und French Eggs Benedict für Lulu. Hinterher nehmen wir noch Käse-Schinken-Croissants, einen Brownie und eine Zimtschnecke als Reiseproviant mit.

In der Wohnung kontrollieren wir nochmal alle Ecken und Schubladen und dann geht’s los in Richtung Flughafen. Bei der Gepäckaufgabe steht ein etwas schnöseliges Pärchen vor uns in der Schlange. Erst schaffen sie es nicht selbst, die ausgedruckten Etiketten an ihrem Gepäck anzubringen, sodass es die Schalterdame machen muss, was alle aufhält. Dann ist ihr Handgepäck auch noch zu schwer. Nach kurzer Diskussion fangen sie unter weiterem Tottern an, ihr Gepäck umzuverteilen, was alle Umstehenden weitere Zeit kostet. Dafür komme ich im ersten Anlauf durch die Sicherheitskontrolle. So fühlt sich das also an…

Im Sicherheitsbereich gibt es einen einzigen Wasserspender und der ist natürlich kaputt. Also füllen wir unsere Wasserflaschen unter verwirrten Blicken der Australier an den Wasserhähnen in den Toiletten auf. Um 14:50 Uhr geht unser Flieger, wir sind vier Stunden unterwegs und haben zusätzlich noch drei Stunden Zeitverschiebung. Dementsprechend landen wir erst gegen 22 Uhr in Sydney. Es scheint windig zu sein. Beim ersten Landeanflug scheint uns eine Böe weiter zu tragen als gewollt, sodass wir nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen wären. Der Flieger startet also kurz vor dem Aufsetzen nochmal durch. Wir drehen noch eine Runde über der Tasmanischen See und Sydney. Dem Kind hinter uns wird das alles etwas zu viel und es fängt an, die international anerkannten weißen Tütchen zu füllen. Alles nochmal auf Anfang. Der zweite Landeanflug klappt, auch wenn die Landung etwas holprig war.

Wir sammeln unsere Rucksäcke vom Gepäckband ein. Den Nahverkehr können wir hier direkt mit unseren Uhren und/oder Handys bezahlen. So brauchen wir uns nicht um Tickets kümmern – praktisch. Wir fahren mit der Bahn zu unserer Unterkunft. Wir haben ein Doppelzimmer in so etwas Ähnlichem wie einem Hostel. Klo, Küche und Bad teilen wir uns mit den anderen Gästen. Die Einrichtung hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und das sieht man ihr auch an. Der Zugang erfolgt über einen merkwürdigen Hinterhof. Alles in allem ist die Unterkunft aber ok. Es ist schon 23:30 Uhr. Da unsere innere Uhr noch auf 20:30 steht, sind wir noch nicht wirklich müde. Nach einem bisschen Netflix und einem Schwedenrätsel gehen wir dann aber doch zum Schlaf über.

21.03.

Eigentlich haben wir nichts fest geplant für heute. Wir stehen in Ruhe auf, teilen uns die Reste vom gestrigen Reiseproviant und machen einen groben Schlachtplan. Mit der Bahn fahren wir ins Stadtzentrum. Der Zug hat ein cooles Feature: Die Sitzbänke lassen sich so klappen, dass man entweder in oder gegen die Fahrtrichtung sitzt. Daraus ergeben sich dann auch Zweiersitze oder Viererblöcke.

Unser erster Anlaufpunkt ist Observatory Hill. Natürlich hängt an dem letzten Stück Treppe ein Schild, dass der Aufgang wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Also gehen wir einmal um den Häuserblock und schleichen uns von der anderen Seite an. Im Park hängen überall Schilder „Achtung! Asbest-Fund“ und ein paar der Bäume sind eingezäunt. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen zum Sitzen, gönnen uns einen Müsliriegel und genießen den Ausblick auf die Harbour Bridge und den westlichen Teil der Bucht von Sydney. Gegenüber, auf der Nordseite, sehen wir den gruseligen Eingang zum 1935 eröffneten Luna Park.

Wir gehen weiter zum Fischmarkt. Auf dem Weg dorthin kommen wir an Darling Harbour vorbei, wo eine riesige Australien-Flagge weht. Das Wetter wird unterwegs immer grauer. Vor dem Fischmarkt sitzt eine Horde Möwen. Der Star der Show ist aber ein Pelikan mitten in der Meute. Nach ein paar Minuten gesellt sich ein zweiter Pelikan dazu. Nachdem diverse Touristen ihre Fotos gemacht haben, stellen sich die beiden bei einem Fischhandel an dem Schalter an, wo man seine online bestellten Fische abholen kann. Haben australische Pelikane etwa Internet? Die Situation löst sich auf: Eine Dame wirft immer mal wieder Fischreste aus ihrer Tür. Deswegen drängen sich die Vögel da so. Als wir in die Markthalle gehen, sehen wir auch noch ein original Sydney Bin Chicken (dt. Mülleimerhühnchen oder auch Australibis). Eigentlich waren sie Sumpfbewohner, haben ihren Weg in die Stadt gefunden und stochern ohne Rücksicht auf Verluste mit ihren langen Schnäbeln in Mülleimern rum, was ihnen ihren Spitznamen einbrachte. In der Markthalle suchen wir nach einem Snack für zwischendurch. Viele Stände sind schon geschlossen. Dafür sind die Hummertanks noch ganz schön voll, wenn man mich fragt, zu voll, dafür, dass der Verkaufstag vorbei ist. Wir landen bei einem Obststand und besorgen uns einen Becher mit geschnittener Drachenfrucht, suchen uns draußen ein Plätzchen unter den Schirmen und malen unsere Zungen pink an mit der Drachenfrucht.

Eigentlich wollten wir noch zu der Universität, die ein bisschen aussehen soll wie Hogwarts. Mittlerweile regnet es aber, sodass wir uns für einen Einkauf entscheiden. Wir kaufen definitiv nur das, was wir brauchen: Brot, Blätterteig-Vanillepudding-Plunder, Dips, Oliven, Tortellini, Käsesauce, Chips, Nachos, Gummibärchen… Zu Hause machen wir erstmal ein kleines Nickerchen. Als wir danach beim Abendbrot sitzen, gehen die Nachbarn mal wieder duschen. Waren die nicht gerade erst heute früh? Von unserem Abendbrot bleibt die Hälfte übrig. Dann haben wir ja noch was für morgen…

22.03.

Wir stehen auf, frühstücken die Reste von gestern zusammen mit der Erdnussbutter, die wir schon seit Tasmanien mit uns rumschleppen. Die Nachbarn gehen mal wieder duschen und setzen mal wieder das Bad komplett unter Wasser.

Wir fahren in die Innenstadt zum Opernhaus, wo wir eine Führung gebucht haben. Wir melden uns an, warten am Sammelpunkt, dann sagt uns unser Guide, dass keine Rucksäcke erlaubt sind. Also gebe ich meinen Rucksack noch schnell an der Garderobe ab. Dann geht’s auch schon los. Unser Guide warnt uns vor, dass sie sehr viel reden wird. Zur Einführung gibt’s aber erstmal ein Video. Am Eingang des Saales stehen Schilder: „Warnung an alle First Nation Citizens: Enthält Bilder und Töne von Verstorbenen.“ Es folgen einige Fakten zum Bau des Opernhauses. Es wurde von einem Dänen namens Jørn Utzon entworfen, anscheinend ohne darauf zu achten, ob sich der Entwurf überhaupt umsetzen ließe. Nach einer Gouverneurs-Wahl ein paar Jahre später wurde Utzon aus dem Projekt rausgeekelt, weil der Bau nicht wie vereinbart vorankam und deutlich teurer wurde als gedacht. Utzon zog beleidigt zurück nach Dänemark und hat „seine“ Oper nie vollendet gesehen. Seine Familie hat später wieder Frieden mit den Australiern geschlossen. Sein Sohn ist mittlerweile an weiteren Planungen für das Opernhaus beteiligt.

Wir sehen die Studio-Bühne unter einer der großen Hauptbühnen, die für eher experimentelle Aufführungen genutzt wird. Unser Guide geht immer zuerst in die Räume und Säle, kommt dann wieder raus und sagt uns, ob wir drinnen Fotos machen dürfen. Bei der Studio-Bühne dürfen wir z.B. nicht fotografieren, weil dort schon ein Bühnenbild aufgebaut ist. An anderen Stellen wuseln Arbeiter durch die Gegend, dort dürfen wir zur Wahrung der Privatsphäre nicht fotografieren. Im Foyer sehen wir noch einen Film, bevor wir uns weiter nach oben vorarbeiten. Draußen zwischen den beiden Gebäudeteilen machen wir noch einen Foto-Stopp. „Hier habt ihr einen Blick, den sonst niemand kriegt.“ Wir werden auch nochmal darauf hingewiesen, dass das Dach nicht einfach eine große weiße oder hellgraue Fläche ist, sondern aus ganz vielen kleinen Fliesen besteht. Nächster Stopp ist kurz vor dem großen Opernsaal, wo uns die Rippenstruktur erklärt wird, die alles tragen muss, da im Inneren keine weiteren Balken zu sehen sein sollten. Dann betreten wir den großen Opernsaal. Was soll ich sagen? Es ist ein Theatersaal, der allerdings nach obenhin spitz zuläuft. Aktuell steht dort kein Bühnenbild, d.h. wir dürfen fotografieren, solange keine Mitarbeiter auf der Bühne zu sehen sind. Es gibt ein paar weitere erklärende Worte. Dann werden wir wieder zum Ausgangspunkt geführt und die Tour endet.

Wir strolchen draußen noch ein bisschen um die Oper, erst am Wasser entlang, bis es nicht mehr weitergeht, dann nochmal die Treppen hoch. Im Operncafé, das mit seiner Form gut zur restlichen Oper passt, aber ein eigenständiges Gebäude ist, wird gerade geheiratet. Was das hier wohl kosten mag? Wir ziehen weiter und noch ein paar Treppen rauf. Dann stehen wir wieder zwischen den beiden Gebäudehälften. Ist das nicht der Blick, den man nur auf der Tour hat? Vielleicht stimmt das sogar, denn wenn man versucht, von hier zu fotografieren, macht sich der gelangweilte Wachmann einen Spaß daraus, direkt ins Bild zu laufen. Wir lassen das Operngebäude hinter uns und schlendern am Wasser entlang und an den botanischen Gärten vorbei zur nächsten Landspitze (Mrs. Macquaries Point). Von dort werfen wir einen Blick zurück auf die Oper und die Harbour Bridge. Ich denke an meine Oma, die immer mal die Oper von Sydney sehen wollte, die Reise aber nun mit fast 89 Jahren wohl nicht mehr auf sich nehmen wird. Im Park hängt eine fette Spinne in einem Netz. Lulu findet Interesse daran und geht dichter ran, um sie genauer begutachten zu können. Ich weise sie freundlich aber bestimmt darauf hin, dass sie alleine dastehen wird, sollte das Vieh anfangen, sich zu bewegen. Dafür ernte ich Gelächter.

Nächster Tagesordnungspunkt ist das Museum of Sydney. Der Eintritt ist kostenlos. Dafür haben wir aber auch nicht allzu viel Glück mit den aktuellen Ausstellungen. Wir sehen diverse Schiffsmodelle und ein Modell des Gouvernour’s House, das im 18. Jahrhundert an dieser Stelle stand. Außerdem wird die erste Folge der Fernsehserie The First Australians gezeigt, die nochmal die Anfänge des heutigen Australiens als britische Strafkolonie zeigt und die Auswirkungen, die das auf die Ureinwohner hatte. Eine Etage weiter oben hängen noch ein paar Bilder und das war das Museum.

Wir laufen durch China Town, gönnen uns einen Bubble Tea, ziehen weiter zum Bahnhof und versuchen dort eine Bahn nach Hause zu finden. Es fehlt eine Übersicht, welche Linie von welchem Gleis abfährt. Als wir das richtige Gleis und die richtige Bahnlinie gefunden haben, fahren nur Züge, die unsere Station (Sydenham) überspringen. Etwas frustrierend, aber irgendwann kommen wir zu Hause an. Erstmal ein Nickerchen machen und dann geht’s auch schon ans Abendbrot. Heute gibt es Tortellini mit Gorgonzola-Spinat-Füllung, dazu Käsesoße und, weil das noch nicht genug Käse war, noch Streukäse oben drüber. Die Nachbarn gehen ausnahmsweise mal nicht duschen und Lulu ergeift die Gelegenheit, um unter der Dusche zu verschwinden. Wir packen unsere Sachen für die morgige Fahrt nach Canberra und dann ist Nachtruhe. Die wird irgendwann nochmal gestört, weil im Nachbarzimmer, gefühlt stundenlang, ein Handy vor sich hin klingelt. Aber da drüben regt sich nix…

23.03.

Heute früh bin ich dran mit Duschen. Währenddessen klopft es dreimal. Eigentlich ist ganz offensichtlich besetzt. Als ich hinterher Lulu frage, ob sie rein wollte, war sie keines der drei Mal. Vermutlich hatten die Nachbarn Entzugserscheinungen, da sie ja gestern Abend auch nicht unter der Dusche waren. Wir verfrühstücken noch unsere Reste und haben dann noch zwei Schokocroissants für die Busfahrt.

In der Bahn schreit Lulu auf und haut mir auf die Schulter. Ich erschrecke und schreie auch kurz auf. „Was soll das?“ Lulu zeigt nur auf den Boden, wo eine Spinne wegkrabbelt. Alle gucken, aber keiner wirkt besorgt. Die Spinne war also vermutlich völlig harmlos, aber in Australien weiß man ja nie.

Am Busbahnhof melden wir uns um 10:35 Uhr im Büro von Murrays. „Einfach draußen hinstellen, ein Kollege ruft gleich auf.“ Der Kollege kommt, ruft ein paar wenige Namen auf. Sie steigen ein und der Bus fährt sehr dünnbesetzt ab. Was soll das jetzt? Kurz danach wird eine zweite, deutlich größere Menge Namen aufgerufen. Wir sind mit dabei und dürfen in den zweiten Bus einsteigen. Lulu motzt kurz rum, weil ausgerechnet auf unseren Plätzen die Fußrasten am Vordersitz fehlen. Vor uns sitzt ein Asiate, der etwas gruselig aussieht. Entweder hatte er zu viele Schönheits-OPs, oder gerade erst kürzlich oder irgendwas ist schiefgelaufen oder er trägt eine merkwürdige aber gut sitzende Maske, keine Ahnung.

Laut Murrays sollen alle Gäste bis 10:50 Uhr da sein, damit pünktlich um 11 Uhr abgefahren werden kann. Die Letzten kommen um kurz nach 11 in aller Seelenruhe angeschlendert. Aber auch vom Personal verfällt niemand in Aufregung. Wir sind vermutlich einfach zu deutsch. Als ich unterwegs auf die Webseite von Murrays gucke, auf der sich live der Reisefortschritt einsehen lässt, erklärt sich auch die Geschichte mit dem ersten, halbbesetzten Bus: Wir scheinen direkt nach Canberra zu fahren, wohingegen der andere Bus noch hier und da Zwischenstopps macht und dafür kleinere Umwege fährt.

Eamonn, den wir in Neuseeland auf dem Kepler Track kennengelernt haben, erwartet uns am Busbahnhof von Canberra. Seinen Aufnahmetest für das Medizinstudium in Sydney hat er gut überstanden. Zuerst fahren wir auf den Mount Ainsley, wo wir einen ganz guten Überblick über die Stadt kriegen. Geradezu ist das Regierungsviertel mit dem alten und dem neuen Parlamentsgebäude. Die Stadt wurde am Reißbrett entworfen, als man sich nicht einigen konnte, ob Sydney oder Melbourne die Hauptstadt von Australien werden soll. So entstand Canberra irgendwo zwischen den beiden Städten und eigentlich mitten im Nirgendwo. Das ist auch ganz gut zu erkennen: Das Parlamentsgebäude bildet die Spitze eines Dreiecks. Auf den beiden Schenkeln liegt je eine Brücke, die über den künstlich aufgestauten See führt. Wir machen noch ein paar Fotos und fahren dann weiter zum Nationalmuseum, wo der Eintritt mal wieder kostenlos ist. Es gibt Ausstellungen zur australischen Geschichte, zur australischen Natur und noch ein paar andere Sonderausstellungen. Als wir genug davon haben, fahren wir in die Innenstadt für ein Eis. Eamonn erzählt etwas genauer, wie es zur Trennung von Ellie kam und wie die Gefühlslage diesbezüglich gerade ist. Nach dem Eis kommen wir auf dem Weg zum Auto an einem Geschäft der Modekette Peter Alexander vorbei. Ich muss lachen, Eamonn fragt, was los sei. Ich erkläre ihm, dass Peter Alexander zu Hause in Deutschland ein Schlagersänger und Unterhaltungskünstler war. Eamonn findet das jetzt auch witzig. Auf der Fahrt hören wir noch ein paar Lieder von ihm.

Letzter Stopp für heute, bevor es nach Hause geht, ist das neue Parlamentsgebäude. Da es aber schon auf 17 Uhr zugeht, können wir nicht mehr reingehen. Aber wir können die riesige australische Flagge auf dem riesigen Fahnenmast nochmal aus nächster Nähe betrachten. Leider ist der Mast eine leichte Fehlkonstruktion. Der untere Teil ist ein pyramidenförmiges Gestell, das verhindert, dass die Flagge auf Halbmast wehen kann. Auf dem Weg nach Hause kommen wir auch am alten Parlamentsgebäude vorbei. Davor steht die Aboriginal Tent Embassy, die aus einem Protest für mehr Rechte und mehr Vertretung durch vier Aborigines entstand. Das Gelände gehört dem Staat. Solange sich nicht zu viele Menschen dort aufhalten, kann man sie auch nicht einfach so entfernen.

Auf dem weiteren Weg nach Hause erklärt uns Eamonn die Wohnsituation: Er wohnt mit seinem Papa Darryl zusammen. Sein Papa hat das Haus gekauft, als Eamonns Mama schwer krank wurde. Damals haben zusätzlich auch noch Eamonns Schwester, ihr Mann und ihre Kinder dort gewohnt, damit die Kinder noch ihre Oma kennenlernen. Heute wohnen nur noch Eamonn und Darryl in einem eigentlich viel zu großen Haus für die beiden. In dem Viertel, wo die beiden wohnen, sind auch einige Botschaften und Konsulate angesiedelt. Eamonn zeigt uns erstmal unser Zimmer mit Terrasse im Obergeschoss. Wir stellen das Gepäck ab, dann folgt eine Tour durchs Haus. Direkt neben unserem Zimmer ist ein Badezimmer und eigentlich haben wir die ganze obere Etage für uns. Direkt unter uns hat Eamonn sein Reich mit einem Arbeitszimmer, Bad und Schlafzimmer. Im Arbeitszimmer steht eine Tardis und in Eamonns Schlafzimmer soll ich mir die Augen zuhalten. Dann wird mir irgendwas in die Hand gedrückt. Als ich die Augen wieder öffne, halte ich Aragorns Schwert aus Der Herr der Ringe in meinen Händen. Lulu darf es natürlich auch mal halten und kriegt sogar noch einen spitzen grauen Hut dazu (auch wenn Aragorn nie so einen Hut getragen hat). Eamonns Papa wohnt auf der anderen Seite des Hauses und die Küche liegt so ziemlich in der Mitte, wo wir auch das erste Mal auf Darryl treffen.

Zum Abendbrot fahren wir nochmal in die Stadt in den Bentspoke Brewpub, also eine Brauerei mit angeschlossenem Pub. Das Essen ist ungefähr das, was man in einem Pub erwarten würde, allerdings alles ein bisschen auf edel getrimmt und auch ziemlich lecker. Ich probiere zwei von ihren lokalen Bieren, die ebenfalls lecker sind. Nach dem Essen ziehen wir weiter in eine Bar. In der Karte entdecken wir ein Getränk namens Well Dressed German (dt. Gut Gekleideter Deutscher), das unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Lulu und ich teilen uns eine Karaffe von diesem Drink, der geschmacklich sehr an Sangria erinnert, auch wenn die Zutatenliste nicht danach klingt.

24.03.

Um 9:30 Uhr klingelt der Wecker. Zuerst rufe ich im guten alten Deutschland an, wo meine Oma ihren 85. Geburtstag feiert und die Feier gerade ins Rollen kommt. Nachdem wir beide gratuliert haben, machen wir uns auf den Weg ins Erdgeschoss, damit unser Tag ebenfalls in Rollen kommen kann.

Nach einem kurzen Snack, um nicht mit ganz leerem Magen das Haus zu verlassen, ist unser erster Stopp das neue Parlamentsgebäude. Alle Besucher müssen eine Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen. Die bestehen wir im ersten Anlauf und dürfen rein. Im Foyer erzählt uns Eamonn von Shawn the Prawn, einem Krabben-Fossil, das irgendwo im Boden zu finden ist. Wir suchen ein paar Minuten und fragen am Ende einen der herumstehenden Angestellten. Nachdem wir erzählt haben, woher wir sind, begrüßt er mich nochmal auf Deutsch und versucht mir irgendwas zu erzählen, was ich trotz oder gerade wegen der deutschen Sprache nicht verstehe. Sehr nett, wenn auch etwas nutzlos, im Nachhinein betrachtet. Er probiert es nochmal auf Englisch und erklärt uns, wo wir was im Gebäude finden können. So klappt’s besser.

Im Obergeschoss steht ein Lego-Modell des Parlamentsgebäudes. Dort wurden einige kleine Scherzchen eingebaut: Im Hinterhof steht ein Geldbaum und ein paar Leute fangen einfach das herunterfallende Geld auf. In der Senatskammer steht Kanzler Palpatine, der in Star Wars sagte „ICH bin der Senat!“, bevor er später zum dunklen Imperator wird. In einem der Büros sitzt eine Frau mit jemandem, der eine Batman-Maske trägt. Ob das wohl eine Anspielung auf den Stadtvater Melbournes ist, der Batman hieß? Eamonn meint, das könne gut sein, auch wenn er noch nie über diese Lego-Szene nachgedacht hat. Im hinteren Teil des Gebäudes, jetzt wieder real und nicht mehr in Lego, zweigt in eine Richtung der Senat ab und in die andere Richtung das Repräsentantenhaus. In dem großen Raum dazwischen befindet sich eine Bildergalerie mit allen Premierministern Australiens und anderen wichtigen Personen, wie z.B. dem Gouvernour General, also dem Stellvertreter der Queen auf australischem Boden. Eamonn weiß zu vielen ein paar Fakten oder auch interessante Anekdoten zu erzählen. Die Galerie ist um ein großes Atrium herum gebaut. Die Bürger können von oben, auf die Politiker herunterschauen, wo sie zwischen Sitzungen hin und her wuseln. Weil Journalisten irgendwann auf die Idee kamen, eigentlich geheime Gespräche von hier oben zu belauschen, wurde ein Brunnen installiert, der mit seinem Geplätscher das Abhorchen verhindern oder zumindest deutlich erschweren soll.

Wir fahren weiter nach Kingston und frühstücken direkt am Seeufer. Die gute Lage lässt sich das Lokal auch gut bezahlen. Bei mir fehlten anfangs die Hash Browns und Lulus French Toast braucht ewig. Das hat man nun davon, wenn man direkt bei der Bestellung bezahlt und Trinkgeld gibt. Nachdem irgendwann alles da ist, schmeckt das Essen aber und der Kaffee ist auch lecker. Lulu hat ein bisschen Angst, sich spontan Diabetes einzufangen: Karamellisiertes Brioche-Brot, Mascarpone-Creme, Eis, Kekskrümel, Erdnussbutterkaramell und diverse Trauben finden sich auf ihrem Teller. Wir schlendern zum nahegelegenen Old Bus Depot Market. Es gibt diverses Kunsthandwerk, Krimskrams und Essensstände. Für das Essen sind wir zu satt und beim Rest finden wir nichts, was wir noch ein Jahr mit uns rumschleppen wollen. Wir besorgen nur Snacks für unsere geplante Bootstour und kalte Getränke. Am Getränkestand trifft Eamonn eine (ehemalige) Schülerin. Mr. McGill stellt uns vor und wir werden noch ein paar Sachen über Deutschland gefragt.

Wir melden uns beim Bootsverleih an. Jeder darf nochmal aufs Töpfchen und dann kann es auch schon losgehen. Wir haben ein Boot mit Sonnenverdeck und kleinem Elektromotor, auf dem bis zu acht Personen Platz hätten. Wir ziehen zu dritt unsere Runde über den Lake Burley Griffin. Wir fahren 35 Minuten gegen die Strömung hin und 25 Minuten mit der Strömung zurück und schaffen es gerade so am Parlamentsgebäude vorbei. Am Ufer steht ein Carillon. Eamonn zeigt uns Teile seiner Joggingrunde am Ufer entlang. Außerdem ein Lokal, wo man guten Kaffee kriegt und ein nettes Kinderhospiz. Etwas weiter hinten steht eine Adlerstatue, die die Amerikaner den Australiern geschenkt haben – Spitzname ist Bugs Bunny oder auch Chicken on a Stick. Irgendwo hinterm Horizont scheint ein größeres Feuer zu brennen und Eamonn beruhigt uns. Scheint also nicht zu schlimm zu sein. Unsere Snacks essen wir allerdings nicht, wir sind noch zu satt.

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, fahren wir zum Wissenschaftsmuseum Questacon. Hier können wir verschiedene naturwissenschaftliche Phänomene erleben und/oder anfassen. Mit dabei ist eine besonders steile Rutsche, auf der man den freien Fall am eigenen Körper spüren kann, eine Blitzkammer, ein Erdbebensimulator und noch einiges mehr. Außerdem ist gerade eine Sonderausstellung zum Thema KI – Freund oder Feind? im Haus. Wir hören zwei Aufrufe, dass das Questacon bald schließt und schaffen es kurz vor Toreschluss aus der Tür.

Wir fahren wieder nach Hause. Laut Eamonn und Darryl sollen wir uns einfach ausruhen von unserem anstrengenden Tag und um 19 Uhr wird es Abendbrot geben. Wir bieten nochmal zwei Paar helfende Hände an, aber wir werden auf unser Zimmer geschickt. Kurz vor 19 Uhr klingelt das Essen-Glöckchen. In mir kommen Heimatgefühle auf, zu Hause hatten wir auch immer so ein Glöckchen. Zum Abendbrot gibt es Spaghetti mit Hack-Gemüse-Soße, so ein bisschen in Richtung Bolognese. Währenddessen haben wir eine nette Gesprächsrunde über die ganz alltäglichen Dinge, Familie, ein bisschen Politik, Geschichte und Sport dürfen auch nicht fehlen und über die feinen Unterschiede zwischen Deutschland und Australien reden wir auch. Da es Sonntagabend ist, verabschieden sich Darryl und Eamonn irgendwann ins Bett. Wir sollen uns davon nicht aufhalten lassen und dürfen noch so lange sitzen bleiben, wie wir wollen. Wir gehen trotzdem lieber auf unser Zimmer. Lulu telefoniert noch eine Runde mit der Heimat. Ich tue es ihr gleich und rufe nochmal bei meiner Oma an. Diesmal ist es etwas ruhiger. Mit der Fete im Hintergrund heute früh konnte ja kein normaler Mensch was verstehen.

25.03.

Wir stehen halbwegs früh auf, machen uns fertig und gehen runter in die Küche. Wir mopsen und jeweils eine Banane, dazu noch ein bisschen Brot und Wasser und dann kann es schon losgehen. Wir dürfen uns den Tesla leihen, um zum Tidbinbilla Naturreservat zu fahren. Eamonn scherzt noch rum: „Fahrt keine Kängurus um.“ Bis Tidbinbilla ist das noch recht einfach. Das Besucherzentrum ist gerade wegen Umbau geschlossen, sodass wir kostenlos in den Park fahren dürfen. Ab jetzt wird es schwieriger mit den Kängurus. Sie stehen, liegen und hopsen links und rechts von der Straße. Heute haben wir aber kein wirkliches Interesse an ihnen, wir wollen Koalas sehen. Dementsprechend ist unser erster Halt im Park der Koala Walk. Es ist niemand hier und bevor wir uns den Koalas widmen, dreht Lulu ein paar vorsichtige Runden mit dem Auto über den Parkplatz. Als wir unsere Wanderschuhe schnüren, kommt ein anderes Auto angefahren. Der Fahrer lässt das Fenster runter: „Wieviel kostet denn einmal Volladen?“ „Keine Ahnung, tut mir leid. Der ist nur geliehen.“ Dann verschwinden sie auch schon wieder.

Am Start des Walks ist direkt ein Gehege, wo Koalas zu Artenschutzzwecken leben. Abgesehen von Tidbinbilla sind Koalas in dieser Region Australiens im Prinzip ausgestorben. Wir gucken den Koalas im Gehege für eine Weile zu und haben sie (fast) ganz allein für uns. Laut Schildern soll es noch mehr, freilebende Koalas, im Rest des Waldes geben. Also starten wir zuerst auf den etwas längeren Peppermint Trail, sehen allerdings keine freilebenden Koalas. Dafür entdecken wir ein paar Wallabys und auch ein Potoroo. Auch auf dem etwas kürzeren Koala Walk lassen sich die Namensgeber nicht blicken. Also beobachten wir noch ein bisschen die Kandidaten im Gehege. Sie werden in ihrem kleinen Hüttchen gerade beregnet und sehen ein bisschen geknautscht aus. Anschließend fahren wir weiter zum Tidbinbilla Lookout. Mit Sicht auf das Tal, in dem das Reservat liegt und auf die umgebenden Berge und Hügel machen wir ein Päuschen mit Brot und Dips, die eigentlich für die gestrige Bootsfahrt gedacht waren, und einem abschließenden Müsliriegel.

Zu 13:30 Uhr sind wir am Parlamentsgebäude mit verabredet. Um 14 Uhr ist für heute die Question Time angesetzt, wo die australische Regierung dem restlichen Parlament Rede und Antwort stehen muss. Eamonn gabelt uns am Parkplatz auf. Er hat unsere Fahrt in der Tesla-App beobachtet und wusste daher, wo und wann wir geparkt haben. Wir lassen die Sicherheitskontrolle über uns ergehen. An der Ticketausgabe für die Question Time müssen wir alles abgeben, was sich werfen lässt. Die scheinen ihre Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht zu haben. Dann folgt noch eine zweite Sicherheitskontrolle direkt vor dem Eingang zum Parlamentssaal. Heute ist richtig was los. Diverse Leute beschimpfen den Speaker, der in Deutschland am ehesten mit dem Bundestagspräsidenten zu vergleichen wäre und auf Einhaltung der Redezeiten und eine faire Debatte achten soll. Der Oppositionsführer fängt mitten in einem Redeblock des Premierministers an zu grinsen, was er sonst, laut Eamonn, nie macht. Der Premierminister bemerkt das auch, pausiert kurz und geht kurz auf das Grinsen ein. Später werden noch zwei oder drei Abgeordnete wegen ungebührlichen Verhaltens des Saales verwiesen. Als hätten sie es geahnt, dass wir heute zusehen, werden auch noch Rüstungsgeschäfte mit Deutschland besprochen. Die Phrasen der Woche der Regierung sind „Future made in Australia“ und „Earn more and keep more of what you earn.“ Bei der Opposition ist es „[Due to Government Politics] People face higher Prices and fewer Choices.“ Eigentlich wird hier richtig was geboten. Die Hälfte der Schulklasse links von uns pennt trotzdem.

Hinterher fahren wir, jetzt ganz dekadent zu dritt in zwei Teslas, zum Harmonie German Club. Vor dem Club steht ein Stück der Berliner Mauer rum. Wir wollen ein paar Fotos machen, aber ein Mädel strolcht die ganze Zeit um die Mauer herum. Wir vermuten, sie beschäftigt sich mit Geocaching. Als sie weg ist, kriegen wir unsere Chance noch. Im Club ist Deutschland mal wieder zu großen Teilen einfach mit Bayern gleichgesetzt, zumindest optisch. Die Speisekarte erstreckt sich über Bayern hinaus. In Vitrinen lassen sich einige deutsche Spezialitäten bestaunen, wie Konserven, Ritter Sport und verschiedene Biere und Schnäpse. Wir holen ein paar Getränke von der Bar. Selbstbewusst bestelle ich ein Bier, ohne darüber nachzudenken, dass ich ja noch fahren muss. Ich nehme das vor Ort Gebraute, denn deutsches Bier kann ich auch noch zu Hause trinken. Während wir unsere Getränke wegschlürfen, frage ich mal vorsichtig bei Eamonn nach, wie die australischen Regeln zu Alkohol am Steuer sind? Männer dürfen in der ersten Stunde zwei Bier trinken. In jeder folgenden Stunde ist ein weiteres Bier erlaubt. Glück gehabt.

Unser letzter Stopp für heute ist der Red Hill Lookout. Eigentlich hatten wir ihn schon von der Liste gestrichen, aber Lulu hat bei Google Maps noch eine Tardis dort entdeckt. Wir sind wieder allein, Eamonn muss noch ein paar andere Dinge erledigen. Wir halten zuerst an der Tardis, dann an der eigentlichen Aussicht. Von hier sieht man wieder dieselben Punkte, wie nach unserer Ankunft in Canberra vom Mount Ainsley, allerdings aus einer anderen Perspektive. Jetzt aber ab nach Hause. Wie kommen wir dahin? Haben wir eine Adresse? Wir leider nicht, aber der Tesla hat im Navi zum Glück einen Eintrag Home, damit schaffen wir es bis in die Garage. Wir verschwinden erstmal für ein kleines Nickerchen in unserem Zimmer.

Überraschend klingelt das Essensglöckchen zum Abendbrot. Es gibt Tacos und wir setzen die netten Gespräche von gestern Abend fort. Darryl versucht uns davon zu überzeugen, dass KI ein ganz alter Hut ist. „Im Prinzip ist jeder Taschenrechner KI.“ Ja, nee, nicht ganz Darryl. Wir schaffen es noch, ihn umzustimmen. Zum Ende des Abends machen wir noch ein Bild zu viert. Eamonn und Darryl verschwinden danach im Bett und wir gehen auch wieder in unser Zimmer und fangen an, Sachen zu packen.

26.03.

Wir stehen früh auf, gehen nochmal in Ruhe duschen und packen dann unsere restlichen Sachen zusammen. Anschließend suchen wir Darryl in seinem Arbeitszimmer auf, verabschieden uns und bedanken uns bei der Gelegenheit nochmal für die Gastfreundschaft. Dann verladen wir unser Gepäck und Eamonn fährt uns auf Umwegen in die Stadt. Wir besuchen das Arboretum, wo hunderte verschiedene Bäume aus aller Welt zu wissenschaftlichen Zwecken angepflanzt werden. Von einem Hügel sehen wir Canberra nun aus der dritten Perspektive von oben. Natürlich steht dort auch ein Schild, das vor Schlangen warnt, wie man es in Australien nicht anders erwartet. Im Café des Arboretums essen wir Frühstück und halten einen letzten ausgiebigen Schwatz mit Eamonn.

Hinterher werden wir in die Stadt gefahren. Bevor wir am Bahnhof von Canberra abgesetzt werden, fährt Eamonn noch an der letzten der drei Tardis‘ Canberras vorbei. Sie steht in der Stadt, unweit des Bahnhofs. Die anderen beiden haben wir schon gesehen: Am Red Hill Lookout und in Eamonns Arbeitszimmer. Am Bahnhof verabschieden wir uns mit einem ernst gemeinten „Auf Wiedersehen“. Wir verladen unser Gepäck in den Bus, steigen ein und Eamonn fährt weiter zur Uni.

In Sydney schleichen wir einmal um den Hauptbahnhof, auf der Suche nach einem Supermarkt. Als wir einen finden, kaufen wir für das heutige Abendbrot und das morgige Frühstück ein. Dann begeben wir uns zum Circular Quay, um die Fähre nach Cockatoo Island zu nehmen, wo wir heute mitten in der Bucht von Sydney zelten wollen. Kurz vor der Abfahrt kommt natürlich noch eine Schulklasse dazu, die irgendwie nach Camping aussieht. Wo die wohl hinwollen?! Bei der Ankunft auf Cockatoo Island beeilen wir uns, von der Fähre runterzukommen, damit wir vor der Klasse an der Rezeption sind. Wer weiß, wie lange wir da sonst stehen würden.

Die Camper mit eigenem Zelt stehen relativ weit ab vom Schuss, fast auf der Rückseite der Insel. Die Klasse ist zum Glück in den Mietzelten untergebracht, die direkt hinter der Rezeption stehen. Wir dösen erstmal eine Runde auf der Zeltwiese in der Sonne. Dann debattieren wir, wo unser Zelt wohl am besten stehen würde, stellen es auf und zuppeln noch ein bisschen daran herum.

Zum Abendbrot gehen wir in den Kochpavillon. Hier gibt es leider keinen Herd und Gas für unseren kleinen Kocher haben wir auch nicht im Gepäck. Aber es gibt Wasserkocher. Dann müssen eben die Asia-Nudeln in zwei Aufgüssen aus dem Wasserkocher durchziehen. Dazu schnippeln wir gefühlt kiloweise Champignons, die sich als gute Ergänzung zu den Nudeln herausstellen. Beim Pärchen am Nachbartisch fliegen die Fetzen, für Unterhaltung ist also auch gesorgt. Bloß nicht zu auffällig hinhören oder rüberschauen. Die Flughunde, die auf der Insel wohnen, bieten ein schönes Alternativprogramm.

Zurück im Zelt stehen noch ein paar Planungsdinge an. Beim letzten Klogang des Tages sitzt im Herrenklo eine riesige Spinne. Sie erschreckt sich und rennt erstmal die Wand hoch. Ich erschrecke auch und hopse rückwärts drei große Schritte aus dem Klohäuschen heraus. Dann taste ich mich vorsichtig wieder rein. Die Spinne sitzt in der einen Ecke, ich gehe in einer anderen Ecke meiner Dinge nach, die Spinne immer im Auge behaltend. Gegen Mitternacht beschließt ein Pärchen in einem der Nachbarzelte „Spaß zu haben“, mittendrin, zwischen all den anderen Zelten und ohne Anstalten zu machen, leise zu sein.

27.03.

Die Hafenfähren brummen vorbei. Die Insel scheint außerdem in der Einflugschneise des Flughafens zu liegen. Die Vögel der Insel krakeelen ab Sonnenaufgang rum. Das war eindeutig keine erholsame Nacht. Als wir am Morgen das Zelt abbauen, setzt das Sex-Pärchen zu Runde zwei an. Schnell weg, z.B. zum Frühstück in die Camp-Küche, Hauptsache wir sind außer Hörweite. Die Abreise der Schulklasse scheinen wir verpasst zu haben. Von denen ist niemand mehr zu sehen.

Gegen 10:15 Uhr starten wir, mit vollem Gepäck, unsere Erkundungstour kreuz und quer über Cockatoo Island. Vieles auf der Insel wurde von Sträflingen errichtet und als Gefängnis genutzt. Später wurde die Insel zur Werft umfunktioniert und spielte im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle beim Bauen und Reparieren von Kriegsschiffen. Daher hatte die Regierung große Angst um Sydney als Ganzes, die sich aber im Nachhinein als unbegründet erwies. In einer der Foto- und Videogalerien kommt bei uns die Frage auf, ob Schiffe zur Taufe heute wohl immer noch mit Sektflaschen beworfen werden?

Nachdem wir unsere Rundgänge beendet haben und am Anleger auf die Fähre warten, kommt auch das Streitpärchen von gestern Abend angelaufen. Heute streiten sie nicht. Dafür setzen sie sich natürlich auf der Fähre zwei Reihen hinter uns und müssen ihre Handy-Videos in voller Lautstärke gucken, jeder eins, direkt nebeneinander. Dann doch lieber wieder eine Schulklasse. Ich überlege, ob ich mal laut Musik anmachen sollte. Irgendwas Schönes, Motörhead vielleicht? Ich entscheide mich dagegen. Die beiden würden es vermutlich sowieso nicht mitkriegen in ihrer Geräuschblase.

Nachdem wir wieder festen Boden unter unseren Füßen haben, fahren wir zu unserer heutigen Unterkunft. Wir stellen unsere Sachen ab und montieren erstmal die mobile Klimaanlage ab, damit wir das Fenster vernünftig schließen können. Dann brechen wir wieder auf in die Stadt. Bei McDonald’s – oder Maccas, wie es hier heißt – genehmigen wir uns einen kleinen Snack.

Wir haben eine I am free Walking Tour gebucht. Der Stadtrundgang ist also prinzipiell kostenlos und wer möchte, darf am Ende der Tour gern ein Trinkgeld geben. So dachten wir uns das zumindest. Gleich zu Beginn der Tour wird ein leichter Druck aufgebaut: „Andere Touren kosten direkt vorab 35 Dollar. […] Falls ihr mehr geben wollt, als ihr Bargeld dabei habt, könnt ihr auch gern mit Karte zahlen.“ Dann sollten sie es einfach nicht „I am free“ nennen, wenn sie das Trinkgeld nicht nur erwarten, sondern es am besten auch noch so hoch ausfallen sollte, wie bei einer ganz normalen Tour. Die Tour ist allerdings ganz gut und führt zuerst durch ein Viertel namens The Rocks. Es hat angefangen, wie so vieles in Australien, als Viertel für Sträflinge. Dementsprechend erfolgte dort anfangs keinerlei Stadtplanung. Eigentlich sollte das Viertel abgerissen und neu entwickelt werden, es gründete sich eine Bürgerinitiative dagegen und am Ende streikte auch die Bauarbeitergewerkschaft mit und weigerte sich, den Abriss durchzuführen. So blieb das Viertel mit seiner ursprünglichen Bebauung erhalten und es können sich heute drei Pubs um den Titel Ältester Pub Sydneys streiten. Unsere Tour endet unter der Harbour Bridge mit Blick auf die Oper. Eigentlich will ich noch Trinkgeld geben. Als die beiden vor uns aber 80 Dollar überreichen, mache ich doch noch kurzentschlossen mit meinen zehn Dollar in der Hand einen Rückzieher.

Wir streunen noch ein bisschen durch die Stadt. Abendessen gibt es heute bei einem Japaner. Nur noch sieben Wochen und es gibt noch viel öfter Essen vom Japaner, Schreck lass nach! Laut Google Maps kommt der nächste Bus nach Hause erst in 20 Minuten. Für den Fußweg werden insgesamt 35 Minuten angezeigt. Also entschließen wir uns zu einem Verdauungsspaziergang und laufen die ganze Strecke nach Hause. Gegen Mitternacht australischer Zeit setze ich zu einem Geburtstagsanruf an (nochmal liebe Grüße nach Göttingen). Irgendwann stellen wir fest, dass es schon fast halb zwei ist. Wir verschieben die frühmorgendliche Stadtführung mal lieber auf einen anderen Tag.

28.03.

Das Haus ist echt hellhörig und unser Zimmer liegt direkt neben der Eingangstür. Dazu kommt, dass das Fenster auch nicht wirklich viel Schall abhält. Alles in allem wieder keine allzu erholsame Nacht. Fürs Frühstück gehen wir heute in ein Café, das eigentlich nur ein Tresen in einer Haustür ist. Davor stehen ein paar wenige Tische und Stühle aus alten Getränkekisten. Aus einem Lautsprecher klingt leise Musik, die auch die Hintergrundmusik für ein GameBoy-Spiel sein könnte.

Nach dem Frühstück gehen wir wieder nach Hause und versuchen, ein e-Visum für Indonesien zu beantragen. Das erweist sich als schwieriger als gedacht. Wir sollen unseren Pass abfotografieren und das Foto hochladen, damit das elektronische Formular vorausgefüllt werden kann. Dafür dürfen aber keine Spiegelungen auf dem Pass sein. Auch die eingebauten Wasserzeichen und Hologramme scheinen die Antragssoftware sehr zu verwirren. Es kommt richtig „Freude“ auf bei den Versuchen, die Pässe so zu fotografieren, dass keine Spiegelungen drauf sind, die Sicherheitsmerkmale weder das Bild noch die Texte auf dem Pass stören und der gesamte Pass auch nicht durch einen schrägen Winkel komplett verzerrt ist. Eine Option, die zehn Textfelder per Hand auszufüllen, gibt es natürlich nicht. Als ich dann endlich einen brauchbaren Datensatz habe, will die blöde Internetseite meine E-Mail-Adresse nicht anerkennen. Um eine andere E-Mail-Adresse anzugeben, muss man das Formular nochmal zurücksetzen und von vorn beginnen. Grrrrr… Danach brauchen sie noch Passbilder, die wir mal eben so vor der weißen Wand aufnehmen und Kopien der Pässe werden auch noch verlangt, diesmal im PDF-Format. Wieso fragen die nicht gleich danach und lesen dort die Daten raus? Was für ein Quark…

Wir fahren in die Stadt. Susannah Place klang recht spannend, während der Führung gestern. Es ist ein original erhaltenes Wohnhaus. In dem Tante-Emma-Laden an der Ecke, der auch möglichst originalgetreu eingerichtet ist, werden die Tickets verkauft. Die heutigen Führungen sind allerdings schon ausgebucht. Wir können aber gern 15 Minuten warten, um zu sehen, ob die angemeldete aber bisher nicht erschienene Familie noch auftaucht. Wir haben natürlich kein Glück und die Familie taucht noch auf. Dann melden wir uns eben für übermorgen früh an.

Wir wandern einmal über die Harbour Bridge und wieder zurück. Sie bietet einen ganz netten Ausblick auf das Opernhaus und auf die Bucht. Es legt außerdem gerade ein Kreuzfahrtschiff ab, fädelt sich in den laufenden Verkehr der Bucht ein und verschwindet in Richtung Meer. Auf der Brücke stehen Sicherheitsleute und passen auf. Außerdem ist in alle Himmelsrichtungen Zaun mit Stacheldraht verbaut. So muss sich der Hofgang im Knast anfühlen. An einer der Säulen der Brücke wird denen gedankt, die beim Bau ihr Leben ließen. Den überlebenden Bauarbeitern wird komischerweise nicht gedankt. Was lernen wir daraus: Einmal richtig doof anstellen und man kriegt eine Plakette an einem Bauwerk (oder wir haben die andere Tafel einfach übersehen).

Der Tag neigt sich schon wieder seinem Ende zu. Wir suchen noch einen Supermarkt auf und machen uns wieder auf den Weg nach Hause. Um die Ecke kann man asiatisch essen. Es ist allerdings das weißeste Asia-Restaurant, das ich je gesehen habe, egal ob man nun Kundschaft, Angestellte oder die Deko betrachtet. Die Preise liegen eigentlich auch jenseits von Gut und Böse, aber nun sitzen wir schon mal hier…

29.03.

Ab 8:00 Uhr spielt nebenan laute asiatische Musik. Zum Glück müssen wir sowieso früh los zur verschobenen Stadtführung. Zur Feier des Tages, es ist Karfreitag, streikt das Kartenterminal im Bus und der Fahrer nimmt die Leute kostenlos mit. Dafür ist heute in der Stadt kaum ein geöffnetes Café zu finden, wo wir Frühstück besorgen könnten. Das eine, das ganz vielversprechend aussieht und geöffnet ist, wird natürlich auch von vielen anderen Menschen aufgesucht. Daher dauert es auch eine ganze Weile, bis das Essen kommt. Wir schlingen es runter und hetzen schnell rüber zur Stadtführung.

Unser Guide von vorgestern ist auch dabei. Wir werden aber in eine andere Gruppe eingeteilt, nämlich die von Paul. Er hat irgendeine Fußverletzung. Damit ist es keine Walking Tour sondern eine Hopping Tour. Ein Kakadu wollte ihn ankacken, er ist weggesprungen und hat bei der Landung eine Treppenstufe übersehen, erzählt er. Er erwähnt immer und immer wieder Melbourne, obwohl er am Anfang gesagt hat, dass er nicht über das Verhältnis von Sydney und Melbourne reden wird. Wir hören nochmal die Siedlungsgeschichte und somit auch nochmal die Geschichte von Bennelong, dem Aborigine, nachdem heute die Landzunge benannt ist, auf der die Oper steht. Bei jedem Hören der Geschichte verlief sie ein bisschen anders. Neulich war er noch Übersetzer zwischen Aborigine und den Briten und welch ein tolles Amt er damit doch errungen hat als Aborigine. Heute klang es eher tragisch, als hätte er sich mit dem Amt das ganze Leben und die Beziehung zu seinem Klan versaut. Diesmal sind wir auf das Trinkgeldgeben vorbereitet und geben auch was. Lulu regt sich etwas über mich auf, weil der Guide daneben stand, der vorgestern nichts von uns gekriegt hat, aber eigentlich einen besseren Job gemacht hat. „Wie ungeschickt kannst du dich eigentlich anstellen?“

Wir fahren mit der Fähre nach Watsons Bay. Von dort wollen wir zur südlichen Landzunge an der Einfahrt zur Bucht von Sydney laufen – genannt South Head. Aber bevor wir losspazieren, stärken wir uns erstmal mit einem Eis. In der Eisdiele läuft gerade 99 Luftballons im Radio, als hätten die nur auf uns gewartet. Dann beginnen wir unsere Runde und genießen die Aussichten in alle Richtungen. Nur als wir am FKK-Strand vorbeikommen, gucken wir lieber nicht ganz so genau hin. Auf dem Weg zurück zur Fähre telefoniert Lulu mit ihrer Mama, die heute Geburtstag hat. Auf der Fährfahrt zurück in die Stadt suche ich mir erstmal ein schattiges Plätzchen unter Deck, während Lulu sich weiterhin draußen in der Sonne aalt. Da haben wir ihn wieder, den Unterschied zwischen Sommer- und Winterkind.

Der letzte Tagesordnungspunkt für heute ist das Open Air Kino Mov’in Bed. Auf uns wartet ein großer Sitzsack für zwei Personen, platziert auf einem Feld voll Strandsand. Dazu gibt es für jeden eine Decke, falls es nach Sonnenuntergang etwas zu kühl werden sollte. Der Filmton erreicht uns über Funkkopfhörer, die am Eingang verteilt werden. Doch bevor es losgeht, genehmigen wir uns erstmal eine Pizza in unserem „Bett“. Später kommen auch noch Cocktails und Popcorn (natürlich nur salziges) hinzu. Heute läuft Dune: Part Two. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es am Umfeld liegt oder ob die Geschichte wirklich etwas verworren ist, aber so ganz können wir nicht folgen. Die Bilder und der Sound sind allerdings mal wieder grandios.

30.03.

Die Busfahrpläne sind anscheinend eher eine grobe Empfehlung, wann man mehr und wann man weniger Glück haben könnte, wenn man versucht, einen Bus zu erwischen. Von dem Bus, den wir in die Stadt nehmen wollten, sehen wir jedenfalls nur noch die Rückleuchten, obwohl wir ein paar Minuten vor der offiziellen Abfahrt an der Haltestelle standen. Dann warten wir wohl auf den nächsten. In der Stadt suchen wir nach einem Café für Frühstück. Auch heute hat noch vieles geschlossen, dank des Osterwochenendes. Wir haben die Auswahl zwischen nur Süßkrams, dafür ist es aber ein richtiges Café und süß und herzhaft an einer etwas besseren Kaffeebude. Wir landen bei letzterem. Lulu ist ein wenig gestresst, weil die Bedienung direkt fragt, was wir wollen und dann gucke ich sie auch noch hin und wieder aus dem Augenwinkel an, um herauszufinden, ob wir die Leute hinter uns in der Schlange einfach vorlassen sollten. Aber irgendwann haben wir tatsächlich Frühstück vor uns zu stehen.

Für 11:00 Uhr haben wir heute die Führung in Susannah Place gebucht. Wie bereits erwähnt, ist es ein altes Wohnhaus in The Rocks aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute sind noch vier Aufgänge des alten Hauses erhalten. In dem kleinen Tante-Emma-Laden an der Ecke holen wir unsere Tickets ab. Auf der Führung erfahren wir, dass die Wohnungen nach britischen Vorbild gebaut wurden: Zwei Etagen mit jeweils zwei Räumen. Hinten dran ist noch ein Holzanbau. Der Kamin im Wohnzimmer stammt auch von dem britischen Vorbild und ist für Sydney eigentlich viel zu warm. In der Ecke steht ein münzbetriebener Gaszähler, mit dem man nie mehr Gas im Monat verbrauchen konnte, als man Einkünfte hatte. Eine Britin, die mit uns auf der Führung ist, bestätigt, dass sie solche Bauten von zu Hause kennt und sich an ihre Kindheit bei ihrer Oma erinnert fühlt. Die letzte Mieterin ist Anfang der 90er Jahre ausgezogen. Eigentlich wäre das „Bad“ auf dem Hof gewesen. Sie hat sich jedoch unter dem Holzanbau eine innenliegende Dusche einbauen lassen. Der Zugang ist natürlich trotzdem über den Hof. Es wäre mal spannend zu wissen, wie viele Mietergenerationen hier durchgegangen sind, sagt auch unser Guide.

Nach der Tour drängt sich uns der The Rocks Market nahezu auf. Es gibt viele Buden mit Krimskrams, Klimbim, Souvenirs sowie Essen und Getränken. Wir probieren mal eine Old School Lemonade. Die Real Berliner Donuts lassen wir aber aus, unter anderem aufgrund des Preises von 8 Dollar pro Stück. Einmal um die Ecke soll sich eine nette kleine Patisserie befinden. Die ist allerdings aufgrund des Marktes direkt vor der Tür völlig überlaufen. Also treten wir einfach so unseren Weg nach Manly Beach an. Allerdings türmen sich an beiden Fähranlegern die Menschen, die ebenfalls das Osterwochenende für einen Ausflug nutzen wollen. Also planen wir spontan um und peilen Bondi Beach an. Die Bushaltestelle ist gleich um die Ecke. Der Bus ist anfangs auch recht leer, sodass wir uns kurz fragen, ob wir im richtigen Bus sitzen. Er füllt sich aber von Station zu Station immer weiter. Aus der Klimaanlage tropft uns zum Glück immer mal wieder Kondenswasser in den Nacken und sorgt so für Abkühlung.

Nach Ankunft am Bondi Beach gibt es erstmal ein Eis. Ich muss mich zum Eisschlecken wohl in verkleckertes Schokoeis gesetzt haben. Zumindest haben meine Hose und mein Rucksack jetzt Flecken und ich hoffe, dass es nicht doch etwas anderes war. Nach dem Eis ist vor der Wanderung. Wir wollen das Stück von Bondi Beach nach Coogee Beach laufen. Die Strände sind alle gut besucht und in jeder Bucht beginnt ein neuer Strand, wo sich die Menschen tummeln können. Einige sind felsiger, andere sind eher sandig. Da sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Alle Strände sind bewacht, teilweise auch per Hubschrauber oder Drohne aus der Luft. Außerdem sind sie mit Schutznetzen gegen Quallen und Haie gesichert. Für die ganz Vorsichtigen gibt es auch künstliche Pools, die komplett vom Meer abgetrennt aber in Sichtweite liegen. Unterwegs finden wir ein paar Nett hier-Sticker und Hansa Rostock ist auch einmal dabei. Autofahrer werden vor drogensüchtigen Fußgängern gewarnt oder High Pedestrian Activity soll einfach nur heißen, dass besonders viele Fußgänger unterwegs sind – wer weiß. Unser Weg kreuzt einen Friedhof mit Meerblick. Wer hier liegt, hat vielleicht nichts mehr davon, aber die Hinterbliebenen können den Ausblick genießen. Da Lulu keinen Hai zu sehen bekommt, nicht mal ein kleines Flösschen, lässt ihre Motivation gegen Ende etwas nach.

Die Bushaltestelle für den Bus nach Hause ist komplett überrannt. Wir steigen in den ersten Bus, der kommt, ohne auf die Nummer zu achten und erwischen natürlich die falsche Linie. Aber sie fährt auf Umwegen auch zu der Station, wo wir in die Tram umsteigen wollen. Wir suchen noch einen Supermarkt auf und kaufen ausnahmsweise wirklich nur das ein, was wir brauchen. Zu Hause werfen wir erstmal alles ab und legen die Beine hoch. Zum Abendessen gibt es Dumplings vom Chinesen gegenüber. Die englische Sprache ist nicht so sein Ding, aber das Essen ist super. Als wir wieder zu Hause sind, müssen wir so langsam mal anfangen zu packen, denn morgen ziehen wir schon wieder weiter.

31.03.

Nachdem der Wecker geklingelt hat, stopfen wir die letzten Kleinigkeiten in den Rucksack und machen uns auf den Weg zum Flughafen. Um 10:35 Uhr geht der Flieger in Richtung der roten Mitte des Kontinents. Am Bahnhof laufen zwei Ansagen in Dauerschleife. Die erste ist „Nicht in den nächsten Zug einsteigen“ und die zweite ist „Bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit hinter der gelben Linie.“ Ich überlege kurz, ob es nicht eigentlich „…vor der gelben Linie“ heißen müsste. Hinter der gelben Linie kommt schließlich relativ schnell das Gleisbett.

Am Flughafen staut es sich an der Gepäckaufgabe. Deshalb werden wir in die (nicht vorhandene) Schlange nebenan geschickt, für einen Flug, der eigentlich schon fast abhebt. Die Dame am Schalter guckt ein bisschen irritiert, als wir ihr erklären, dass das gar nicht unser Flieger ist und wir eigentlich noch zwei Stunden Zeit haben, aber hier rüber geschickt wurden. Wir dürfen unsere Rucksäcke abgeben. Hoffentlich kommen die auch am richtigen Ort an. Bei der Security habe ich eigentlich alles richtig gemacht: Nichts in den Taschen, Uhr ist ab, Gürtel ist ab und auch sonst nichts vergessen. Ich werde trotzdem zur zufälligen Nachkontrolle rausgezogen. Alles wird einmal mit dem Sprengstoffschwämmchen abgestrichen. Ich bestehe den Test und darf fliegen. Lulu verschwindet in einem der Läden und ich warte mit einem Käffchen in der Hand draußen. Für Unterhaltung sorgt eine deutsche Familie, die gerade richtig Drama hat. Alle mögen den Sohn viel lieber als die Tochter. Der ärgert sie immer nur und keiner unternimmt etwas dagegen. Deswegen reist sie auf gar keinen Fall weiter mit der Familie und wird nicht in den nächsten Flieger einsteigen. Ich habe ein ungutes Gefühl, wo wir die gleich wiedersehen werden.

Ich frühstücke mit weiterhin bester Unterhaltung im Wartebereich am Gate. In der Familie ist immer noch ordentlich Stimmung. Der Vater nimmt die Tochter nochmal beiseite zur Klärung der Lage und sie gehen vom Wartebereich in den großen Korridor. Der Sohn stellt sich nach kurzer Zeit dazu und diskutiert mit. Ob das zur Entspannung beiträgt? Die Mutter hält sich seelenruhig aus allem raus.

Im Flugzeug weist mich die Flugbegleiterin beim letzten Check vorm Start darauf hin, dass ich meine Rückenlehne in eine aufrechte Position stellen soll. Die lässt sich aber leider nicht senkrechter stellen. Auch das Rütteln der Flugbegleiterin an meinem Sitz, während ich den richtigen Knopf zum Einstellen der Lehne drücke, bringt nichts. „It’s probably just broken. No worries.“ (dt. „Ist vermutlich nur kaputt. Keine Sorge.“) Danke, so ein kaputter Sitz vorm Start beruhigt doch ungemein. Der Flug verläuft ohne weitere Vorkommnisse. Beim Landen denke ich zuerst, wir wären auf einer roten Schotterpiste gelandet, weil nichts anderes aus meinem Fenster zu sehen war. Unter uns befindet sich aber doch Asphalt, wie sich noch herausstellt. Kein Wunder, dass die Maschine so weich rollt. Yulara hat einen winzigen Flughafen. Das Kofferband ist direkt neben den Mietwagenschaltern. Praktisch, so kann man auf zwei Dinge gleichzeitig warten. Ansonsten gibt es hier nichts, womit man sich die Zeit vertreiben könnte. Die Frau hinter dem Mietwagenschalter wirkt streng und schlecht gelaunt, während wir darauf warten, dass sie die Leute vor uns abfertigt. Als wir dran sind, ist sie allerdings recht freundlich. Wir sind die letzten in der Schlange. Ob sie den Feierabend wittert? Wir kriegen sogar noch ein kostenloses Upgrade auf ein größeres Auto.

Bevor es so richtig losgehen kann, halten wir nochmal am Supermarkt von Yulara. Der Einkauf selbst ist relativ unspektakulär. Dafür, dass man sich hier im Prinzip mitten im Nirgendwo befindet, ist die Auswahl super. Allerdings ist es auch etwas teurer als z.B. die Supermärkte in Sydney. Was will man machen?! Beim Einladen ins Auto sehe ich, wie gegenüber eine fette Spinne in den Kofferraum krabbelt. Das Pärchen, das zu dem Auto gehört, bemerkt es auch und versucht, die Spinne vorsichtig mit einer Einkaufstüte wieder rauszufegen. Das lässt sich die Spinne nicht gefallen und krabbelt tiefer ins Auto. Das Pärchen fängt an, ihr Gepäck umzulagern und die Rücksitzbänke umzuklappen auf der Suche nach der Spinne. Das geht ja gut los hier. Wir verduften lieber und beginnen spinnenfrei unsere dreistündige Fahrt zum „benachbarten“ Kings Canyon. Zum Glück kann man sich dorthin nicht verfahren. Man nimmt für 90 Minuten die einzige Straße in Richtung Osten, biegt links ab und fährt nochmal 90 Minuten geradeaus.

Auf dem ersten Teilstück kommen wir an Mount Connor vorbei, der scherzhaft auch Fooluru genannt wird. Das ist eine Zusammensetzung aus „to fool“, englisch für austricksen/täuschen und Uluru, der große rote Fels, der im Englischen auch Ayer’s Rock genannt wird, wegen dem man eigentlich nach Yulara kommt. Wenn man allerdings nicht nach Yulara fliegt, sondern mit dem Auto anreist und von dem großen Highway kommt, der von Nord nach Süd von Darwin nach Adelaide verläuft, dann ist Mt. Connor der erste große rote Fels, der sich am Horizont abzeichnet. Viele glauben dann für eine Weile, sie wären schon bald am Ziel, in Wirklichkeit geht es noch eine ganze Weile stumpf geradeaus. Für meinen Geschmack ist es hier grüner, als ich es von der roten Mitte des Kontinents erwartet hätte. Die Natur bietet ein schönes Farbenspiel mit satten Kontrasten zwischen der roten Erde, der grünen Vegetation und dem blauen Himmel. Wir lassen Mt. Connor rechts liegen und biegen links ab. So langsam schleicht sich die Bergkette ins Sichtfeld, die auch den Kings Canyon beheimatet.

Die Zeitangaben stimmten und wir erreichen nach etwa drei Stunden die Kings Creek Station. Es ist warm, mit 33°C, aber zum Glück nicht übermäßig heiß. Die Station bietet einen Laden, ein Café/Restaurant, eine Tankstelle (alles dasselbe Gebäude) und hinten dran einen Campingplatz, der auch Bungalows im Angebot gehabt hätte. Für alles zahlt man hier einen gewissen Outback-Aufschlag. So ist z.B. der Sprit gute 50% teurer als in dichter besiedelten Gebieten Australiens. Beim Check-in werden wir vor Schlangen und Dingos gewarnt. Uns wird Stellplatz Nummer 9 zugewiesen. Wir dürfen aber gern auf einen anderen freien Platz ausweichen, wenn uns da schon zu viel los ist. Die Karte vom Platz ist ein bisschen verwirrend und es dauert eine Weile, bis wir uns sicher sind, dass wir von Parzelle 9 stehen. Von zu viel los kann nicht die Rede sein. Hier ist niemand. Aber hier ist auch alles ein bisschen zu buschig, um vernünftig ein Zelt aufstellen zu können. Wir ziehen zwei Parzellen weiter, also mathematisch korrekt auf die Nummer 8. Warum die Sieben zwischen der Acht und der Neun liegt, verstehen wir nicht so ganz. Wird wohl auch am Outback liegen. Beim Aufstellen des Zelts kommen unsere Kopfnetze zum Einsatz, da wir die ganze Zeit von irgendwelchen Fliegen umschwirrt werden und sie versuchen, uns in Augen, Ohren und Nasen zu krabbeln. Der Boden ist relativ hart und Zelt und Auto passen geradeso in die Parzelle, dafür ist der Boden aber blanke rote Erde. Das heißt auch, dass man einen ungewollten Besucher im Vorzelt relativ einfach erkennen könnte, bevor man reintritt.

Dann geht die Sonne schon unter. Wir nutzen die Rücksitze des Autos mal wieder als Wohn- und Esszimmer, wie wir es schon in Tasmanien geübt haben. Nach dem Abendbrot machen wir uns relativ früh bettfertig. Das Sanitärgebäude hat kein Licht, dafür aber einen kleinen Frosch, der gerade die Wand hochkrabbelt. Anschließend gehen wir ins Zelt, da es im Auto relativ schnell ziemlich warm wird. Durch das Zelt weht immerhin eine leichte Brise. Dafür hören wir hier allerdings den Generator und Kühlraum des Cafés brummen. Im Gegenzug dazu ist der Sternenhimmel mal wieder fantastisch. Ich schlafe die Nacht nur in dem dünnen Schlafsack-Inlay und auch die Außentüren des Zeltes bleiben offen. So lässt es sich aushalten.

01.04.

Wir stehen auf und essen Frühstück im Auto. Lulu erzählt, dass über Nacht ein Dingo unser Vorzelt besucht hätte. Wie viel davon wirklich passiert ist und wie viel sie geträumt hat, kann sie nicht so ganz genau sagen. Als wir nochmal nachsehen, finden sich tatsächlich hundeähnliche Spuren vorm Zelt. Wir machen uns fertig für den Tag und brechen in Richtung Kings Canyon auf.

Nach etwa 30 Minuten Autofahrt erreichen wir den Parkplatz. Von dort starten wir den Kings Canyon Rim Walk, der über ungefähr sechs Kilometer und drei bis vier Stunden angelegt ist. Falls für den Tag mehr als 36°C angesagt sind, wird der Weg ab 9:00 Uhr gesperrt und man müsste eine der kürzeren Alternativen laufen, die auch hier starten. Heute sollen es aber „nur“ 31°C werden und wir können die volle Runde drehen. Die beginnt mit einem relativ steilen Aufstieg von der Sohle des Canyons bis rauf zur Kante. Oben angekommen bieten sich grandiose Ausblicke über diese völlig irre rote Landschaft. Ich habe vorher noch nie irgendwas Vergleichbares gesehen und das wird auch den ganzen Tag so bleiben. Ebenfalls für den Rest des Tages bleiben unsere Kopfnetze im Einsatz.

Oben finden wir eine größere geführte Gruppe vor. Während deren Guide noch erzählt, beeilen wir uns, um an ihnen vorbeizukommen. Wir folgen dem Weg und halten immer mal wieder inne, um die Landschaft aufzunehmen. Wir entscheiden uns dazu, dem Abzweig zu Cotterills Lookout. Er ist nach der Familie Cotterill benannt, die in den 1960ern durch den Bau einer Straße zum Canyon maßgeblich zur touristischen Entwicklung der Region beigetragen hat. Ein Mädel lässt ihre Drohne steigen. Hoffentlich hat sie sich vorher eine Erlaubnis dafür geholt. Eine Frau stapft an uns vorbei, guckt sich kurz um und fragt uns dann: „Is this the Garden of Eden?“ Wir antworten ihr freundlich, dass sie hier den Cotterills Lookout erreicht hat. Wir denken aber: „Denkst du bei der massiven roten Felswand der Südseite des Canyons wirklich an Garten Eden?“

Wir gehen wieder zurück zum Hauptweg, biegen rechts ab und steigen nach einem kurzen Stück in ein Tal hinab. Hier kommt der Abstecher zum Garden of Eden. Im Tal ist ein Wasserlauf und viel Grün. Am Wegesrand steht eine Bank im Schatten. Die nutzen wir natürlich gern für eine kleine Pause mit Wasser und Snacks. Die Gruppe vom Anfang zieht an uns vorbei. Nach der Stärkung beschreiten wir die letzten paar Meter bis zum Garden of Eden, wo wir einen natürlichen Pool und noch mehr Grün vorfinden. Baden ist hier verboten. Dank der Gruppe ist es auch schon recht voll. Wir finden trotzdem noch Plätze, wo wir uns nochmal niederlassen, um die Umgebung in uns aufzusaugen.

Wir brechen wieder auf, raus aus dem Tal und rauf auf die Südwand des Canyons. Hier passieren wir auch die 36-Grad-Absperrung, die heute allerdings offen ist. Hier müsste man sonst umdrehen, wenn es zu heiß wäre (allerdings von der anderen Seite kommend). Der für uns noch folgende Teil des Weges bliebe bei über 36°C noch bis 11:00 Uhr offen. Wir gehen so weit an die Klippen ran, wie wir uns trauen, um auch mal die steile Wand runter in den Canyon zu gucken. Eidechsen nutzen die blanken roten Felsen zum Sonnenbaden. Für uns folgt der relativ sanfte Abstieg zum Parkplatz. Dort angekommen machen wir eine weitere Pause bei Wasser und Snacks. Wir lassen den Motor und damit auch die Klimaanlage laufen. Das hilft dem persönlichen Wohlbefinden ungemein.

Wir beschließen noch, die Runde am Grunde des Canyons zu drehen. Der Weg ist mit insgesamt einer Stunde ausgeschildert. Hier unten ist es relativ grün. Nach etwa 15 Minuten erreichen wir die Aussichtsplattform und damit den Wendepunkt des Weges. Von hier betrachten wir nochmal die Klippen von unten, auf denen wir den Canyon umrundet haben. Dann gehen wir zurück zum Auto und fahren zurück zum Campingplatz.

Auf dem Campingplatz angekommen, genehmigen wir uns eine Abkühlung im Pool, also rein in die Badehose und los. Der Pool ist, in Anbetracht seiner Größe und der Außentemperatur von 33°C, eisig kalt. So dauert es eine ganze Weile, bis wir komplett im Wasser sind. Nachdem die andere Familie weg ist, kann man den Pool sogar nutzen, um ein paar sehr kurze Bahnen zu ziehen. Zum Glück ist die Fliegenplage rund um den Pool nicht so schlimm. Das hätte sonst sehr merkwürdige Bilder geben können. Hinterher gehen wir duschen und haben noch etwas Zeit, um im Zelt zu dösen. Zur Feier des Tages – es ist Ostermontag – telefoniere ich mit der Heimat.

Dann wird es auch schon Zeit fürs Abendbrot, das wir heute vorne im Café essen. Lulu nimmt einen Salat und eine Portion Pommes. Für mich wird es der Burger mit Bacon und Spiegelei. Am Ende müssen wir zu zweit die Pommes niederringen, da für Lulu auch nur der Salat gereicht hätte. Als wir fertig sind, ist die Sonne schon untergegangen. Wir gehen trotzdem nochmal zum Aussichtspunkt. Das wird mit Blicken aufs Abendrot und ein paar neuen Mückenstichen belohnt. Zurück im Zelt penne ich direkt ein. Hitze und fettes Essen sind einfach eine unschlagbare Kombination. Lulu ist derweil noch ein bisschen fleißig. Zum Zähneputzen reicht es aber selbst für mich noch. Das passiert wieder ohne Licht, dafür aber auch heute wieder mit allerhand Krabbelkram. Es ist windig geworden, weswegen wir direkt hinter uns das Zelt zuziehen, da sonst der Sand ins Zelt blasen würde. Ich schlafe wieder nur in dem dünnen Schlafsack-Inlay. Der Wind ist warm.

02.04.

Als ich aufwache, erzählt mir Lulu von einem nächtlichen Dingo-Konzert. Ein Dingo jault in einiger Entfernung nochmal kurz zur Bestätigung auf. Der Wind scheint über Nacht nicht nachgelassen zu haben und Zelttüren können anscheinend nicht zaubern. So ist alles im Zelt mit einer feinen roten Staubschicht bedeckt. Fürs Frühstück versuche ich im Café, einen Kaffee zu ergattern. Leider wurde gerade vor mir eine Busladung Asiaten abgekippt. Dass ständig die Sicherungen für die Küche rausfliegen, ist sicherlich auch nicht hilfreich. Es geht immer wieder mal hin und her: „I need Power!“ „Coming!“ Bis ich endlich den Becher in der Hand halte, bin ich fast schon auf natürlichem Wege aufgewacht. Das eigentliche Frühstück gibt’s im Auto.

Als ich vom Zähneputzen zurückkomme, ist der Fahrersitz schon besetzt. Ich bin heute erstmal Beifahrer. So kann ich die Blicke noch für eine Weile in die rot-grün-gemaserte Steppe schweifen lassen. Lulu hält gute 160 Kilometer bis zum Fooluru-Ausblick durch. Wir halten und sehen uns um. Es ist nett hier, allerdings kein Vergleich zu Baden-Württemberg. Die restliche Strecke bis Yulara fahre ich wieder. In Yulara machen wir eine kleine Rast: Das Auto kriegt Sprit und wir jeweils ein Eis. Danach brechen wir auf in den Uluru – Kata Tjuta Nationalpark. Er besteht aus den beiden Teilen Uluru / Ayer’s Rock und Kata Tjuta / Mount Olga, die knappe 40 Kilometer auseinander liegen.

Heute lassen wir Uluru wortwörtlich links liegen und fahren in den hinteren Teil des Nationalparks zu Kata Tjuta. Je näher wir dieser roten Felskette kommen, desto mehr begreifen wir, wie riesig diese Felsen eigentlich sind. Auch hier werden busweise Touristen abgeladen. Die meisten von ihnen drehen aber entweder sehr früh wieder um oder spurten nur schnell für ein paar Fotos in die Schlucht und schnell wieder raus. So haben wir immer wieder Momente, in denen wir diese unglaubliche Landschaft in aller Ruhe und allein genießen können. Wir kommen uns hier in der Walpa-Schlucht ziemlich winzig vor. Auf der Rückfahrt nach Yulara halten wir am Kata Tjuta-Aussichtspunkt, um die Felskette nochmal im Ganzen zu betrachten. Lulu hat besondere Freude, denn immer wieder schafft es die eine oder andere Fliege unter ihr Kopfnetz und nervt sie.

Wir übernachten heute auf dem Campingplatz in Yulara. Es patrouillieren Punk-Tauben über den Zeltplatz (eigentlich Spitzschopftauben). Obwohl der Boden so hart ist, dass man die Heringe kaum reinkriegt, verrutschen die Heringe immer wieder unter der Spannung der Leinen. Ich spanne überall nochmal nach und setze ein paar Heringe neu. Lulu nimmt die Korrektur ihrer Leinen und Heringe etwas zu persönlich, wodurch ich einen etwas zu ruhigen Abend habe.

03.04.

Gestern Abend war es noch so warm, dass wir wieder nur mit den dünnen Schlafsack-Inlays schlafen gegangen sind. Als ich in der Morgendämmerung aufwache und mir denke: „Ist doch ein bisschen frisch“, muss ich feststellen, dass mein Schlafsack schon in Benutzung ist. „Meiner ist im Auto. Ist doch OK, dass ich deinen genommen habe? 🥺“ Na gut, Strickjacke überziehen und dann werde ich die letzten ein bis zwei Stunden wohl auch so überleben. Glücklicherweise komme ich tatsächlich durch. Wir frühstücken in der Zeltplatzküche und machen uns fertig für den Tag.

Geradeso pünktlich zu 10:00 Uhr schaffen wir es, zum Fahrradverleih am Uluru zu fahren, wo wir Räder für eine Runde rund um den großen roten Fels reserviert haben. Das Team wirkt so, als wollte es gerade Pause machen. Unser Einweiser rattert so schnell er kann seinen Text runter, bevor er uns auf den Fahrradweg rund um Uluru lässt. Vom Verleih fahren wir ein Stück auf den Felsen zu. Wie gestern bei den Olgas kriegt der Fels immer mehr Details, je dichter wir kommen. Der anfangs glatte rote Fels bekommt immer mehr Strukturen. Die dunklen Flecken verwandeln sich wie von Zauberhand in Höhlen oder in kleine grüne Zonen, wo Büsche oder Bäume sprießen. An den jetzt wahrnehmbaren weißen Flecken kann man gut erkennen, wo sich Vögel häuslich niedergelassen haben. Teilweise ist der Fels gemustert wie Fichtenborke. Lulu strahlt über beide Ohren. Ayer’s Rock/Uluru war damals Thema in ihrem Englischunterricht. Heute steht sie am Fuß des Felsens und muss sich halb das Genick ausrenken, um die obere Kante sehen zu können.

Am ersten Wasserloch, wo wir die Fahrräder vorher abstellen sollen, haben wir etwas Pech. In etwa zeitgleich mit uns kommt eine Schulklasse an und auf der kleinen Aussichtsplattform kann man sich kaum noch bewegen. Auch die Empfehlung der umliegenden Schilder „Genießen Sie den Ort in Stille“ lässt sich so nur schwer umsetzen. Wir fahren bald weiter mit Uluru immer zu unserer Linken. Noch gibt er uns Schatten. Immer wieder treffen wir unterwegs auf die angekündigten Schilder „Kulturell wichtiger Ort. Fotos und Videos verboten!“ Am Wendepunkt unserer Schleife steht netterweise ein Klohäuschen, das wir beide aufsuchen, bevor wir uns auf den Rückweg machen, der komplett in der Sonne liegt. Ich glaube, wir haben aus Versehen Fotos gemacht, wo wir sie nicht hätten machen dürfen. Es kam eine halbe Ewigkeit kein Schild mehr, das uns an das Verbot erinnert hätte. Dann kam plötzlich ein Schild „Fotoverbot aufgehoben“. Hoppla…

Wir stoßen auf eine Straße, folgen ihr für ein Stück und biegen wieder auf einen Fußgänger-/Radweg ab. Noch ein kleines Stück weiter und wir sind bei Höhlen der Mala angekommen. Je nach dem, welcher Gesellschaftsschicht man angehörte, gehörte man auch in eine der Höhlen: Die Frauen und Mädchen teilten sich eine Höhle für die Zubereitung des Essens. In der nächsten Höhle waren die erwachsenen Männer zu finden. In einer dritten Höhle brachten die Greise den angehenden Männern alles über die Jagd bei. Schließlich landen wir noch im Kantju-Tal, das wieder im Schatten liegt und ein Wasserloch für uns bereithält. Ein dunkler Streifen auf dem Fels zeigt an, wo nach dem Regen das Wasser runterkommt. Diesmal ist zum Glück keine Schulklasse oder Busladung Touristen vor Ort, sodass wir in Ruhe gucken können. Wir können auch einfach mal auf einer Bank sitzen, die Augen schließen und die Ohren öffnen. Je länger wir dort sitzen, desto mehr Leben lässt sich erlauschen.

Nun müssen wir uns etwas beeilen, um die Fahrräder noch geradeso rechtzeitig vor Ablauf der gebuchten drei Stunden wieder abzugeben. Nachdem die Fahrräder weg sind, schlendern wir nochmal durchs Besucherzentrum. Es stellt indigene Kunst aus, außerdem könnte man Souvenirs kaufen oder sich im Café stärken. Wir sehen uns ein bisschen um, suchen nochmal die Toilette auf und brechen dann nochmal auf zu den Olgas.

Wir fahren heute einen Parkplatz weiter als gestern und halten am Valley of the Winds. Es bietet zwei Aussichtspunkte und eine komplette Schleife, die wir laufen könnten. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit beschließen wir, die Wanderung etappenweise anzugehen. Also erstmal auf zur ersten Aussicht (Karu Lookout). Hin und zurück wären laut der Beschilderung etwas mehr als zwei Kilometer, die eine knappe Stunde dauern sollen. Der namensgebende Wind kommt uns hin und wieder mal kräftig entgegen. Nach guten 15 Minuten sind wir dennoch an der Aussicht angekommen. Also auf zum nächsten Punkt. Wir kommen an der Stelle vorbei, wo sich die Schleife in „im Uhrzeigersinn“ und „gegen den Uhrzeigersinn“ aufteilt. Wir müssen rechts rum, wenn wir zum Kiringana Lookout wollen. Wir kreuzen einen kleinen Strom, in dem sich gut gewachsene Kaulquappen tummeln. Hoffentlich schaffen sie es, ihre Entwicklung zu vollenden, bevor alle Wasserlöcher wieder austrocknen. Ein kleines Stückchen hinter den Kaulquappen wird es abenteuerlich: Wir kreuzen erneut den Wasserlauf und dahinter geht es steil den nackten Fels hinauf – nicht besonders hoch, aber steil. Immer wieder müssen wir auch Büschen ausweichen, die von rechts und links in den Weg ragen. Wer weiß, wer da drin sitzt und nur auf uns wartet… Dann wandern wir durch einen Canyon. Links und rechts werden wir von massiven roten Felsen überragt. Es folgt ein letzter Anstieg vor dem Aussichtspunkt. Hinter dem Aussichtspunkt liegt ein großes grünes Tal, umringt von roten Felsen. Mir schießt das „Grüne Tal“ aus „In einem Land vor unserer Zeit“ in den Kopf, auch wenn das vermutlich deutlich grüner war. Wir genießen den Schatten, den kühlenden Wind und die Aussicht. Wir machen ein paar Fotos (die ich hier besser nicht zeige, da das Fotografieren, Filmen und Malen der Felsformationen eigentlich verboten ist, wie ich hinterher rausgefunden habe), trinken einen Schluck Wasser und machen uns wieder auf den Rückweg. Die schwierige Stelle von vorhin hat eine deutlich leichtere Variante, die wir von unten aber nicht erkannt haben. Wir verabschieden uns von den Kaulquappen und bringen das letzte Stück zurück zum Auto hinter uns. Eine Stunde früher als die Beschilderung voraussagte, sind wir wieder am Auto. Lulu traut sich nochmal auf den Fahrersitz.

Kurz vor dem Parkplatz vom Supermarkt darf ich nochmal das Steuer übernehmen. Wir müssen noch ein bisschen fürs Abendbrot und die morgige Reise einkaufen. Zum Abendbrot wird es Instant-Asia-Nudeln geben, die wir mit Gemüse verfeinern wollen (Schalotten, Paprika, Champignons). Bei der Zubereitung in der Zeltplatzküche ist etwas Kreativität gefragt, z.B. beim Schneiden ohne Teller oder Brett und nur mit einem kleinen Taschenmesser bewaffnet. Ebenfalls in der Küche ist eine größere Gruppe Asiaten. Ich bin ein bisschen neidisch auf all die Töpfe und Pfannen, in denen sie brutzeln und köcheln. Gleichzeitig glaube ich, dass sie ein wenig argwöhnisch auf das Was und Wie unseres Abendbrot gucken. Nach dem Essen steht noch der Abwasch an und die Dusche wartet heute auch noch auf uns. Danach gehen wir ins Zelt. Heute hat jeder einen Schlafsack dabei.

04.04.

Zuerst räumen wir alles aus dem Zelt und verpacken und verstauen es so gut es geht. Beim Frühstück begleiten uns rosa und rote Kakadus und einige der bereits erwähnten Punk-Tauben. Es folgt der Abbau des Zeltes und die Morgentoilette. Wir fahren zum Tanken und zum Stöbern in den Souvenirläden nochmal ins Ortszentrum. Dann folgt die Fahrt zum Flughafen. Wir packen die allerletzten Dinge und verabschieden uns vom namenlosen Auto mit den ziemlich runtergefahrenen Reifen. Den Schlüssel platzieren wir einfach in der dafür vorgesehenen Box.

Wir checken für unseren Flug ein und wollen die großen Rucksäcke abgeben. Das Kofferband am Check-in ist leider außer Betrieb. Ein Mann übernimmt den Job des Kofferbandes. Fast wäre unser Gepäck auf dem Haufen für den Quantas-Flug eine Stunde früher gelandet. Als wir den netten Herren darauf hinweisen, brummelt er sowas wie „Dann muss ich jetzt ja immer auf die Etiketten achten…“ Ja, das wäre wohl besser. Etwas nervös bleiben wir in Sichtweite bis sich Gepäck zu unserem gesellt, das auch zu unserem Jetstar-Flug gehören muss. Nachdem wir die Sicherheitskontrolle überstanden haben, müssen wir nur noch auf unseren Flug in Richtung Sydney warten. Lulu verschwindet nochmal im Souvenir-Shop.

Nach der Landung werden wir von einem Banner mit der Aufschrift „Welcome to sunny Sydney“ begrüßt. Ein Blick aus dem Fenster zeigt nur Grau und Nieselregen. Aber wir sind ja nur zum Umsteigen hier, da wir weiter in den tropischen Norden nach Cairns wollen. Das Gepäck ist leider nicht durchgebucht, sodass wir es nochmal vom Kofferband angeln und neu einchecken müssen. Genug Zeit haben wir ja, also alles kein Problem. Kurz vor der Sicherheitskontrolle fallen uns unsere immer noch gut gefüllten Wasserflaschen ein. Ich frage eine Angestellte, wo wir das Wasser am besten loswerden können. Sie erklärt mir daraufhin, dass Wasserflaschen für inneraustralische Flüge gar kein Problem seien und wir sie einfach mit durch die Kontrolle nehmen können. Vermutlich weiß man als Land, das zu großen Teilen aus Wüste besteht, Wasser einfach mehr zu schätzen.

Wir landen mit etwas Verspätung in Cairns und das Gepäck lässt eine halbe Ewigkeit auf sich warten. Wir versuchen draußen, ein Uber zu erwischen. Die Preise für die 10- bis 15-minütige Fahrt springen spontan von 30 AUD auf 45 AUD. Uff! Wir versuchen es ganz altmodisch am Taxistand. Der nette Herr nennt uns 35 AUD als Preis und wir können direkt los. Das klingt doch besser. Kurz nach Mitternacht erreichen wir unser Hostel. Auf uns wartet ein Vierbettzimmer. Lulu hat Hoffnung, dass wir das ja eventuell für uns allein haben. Nachdem wir das richtige Zimmer gefunden und die Tür geöffnet haben, löst sich diese Hoffnung allerdings direkt in Nichts auf. Zwei der Betten werden schon zum Schlafen genutzt. Mehr lässt sich im Dunkeln nicht erkennen. Wir versuchen, uns so leise wie möglich bettfertig zu machen. Mitten in der Nacht wird auch noch der Rauchmelder in unserem Zimmer losgehen. Vier Menschen starren darauf, sehen aber keine Veranlassung, irgendwas zu tun. Im Zimmer über uns ist Fußgetrappel zu hören. Der Rauchmelder geht von allein wieder aus. Da haben wir Glück gehabt. Nur mit verdattertem Gucken hat sich wohl noch niemand Brände gelöscht.

05.04.

Der Wecker klingelt um 6:15 Uhr. Die Nacht war viel zu kurz. Wir versuchen, so leise wie möglich aus unseren Betten zu kommen und hoffen, dass uns die Zimmergenossen nicht allzu sehr hassen. Ein paar Sachen für den Tag müssen wir auch noch packen. Als wir allerdings vom Zähneputzen zurückkommen, sind die beiden Mädels auch auf den Beinen. Dann müssen wir uns ja nicht mehr allzu viel Mühe geben.

Gegen 7:00 Uhr brechen wir zum Hafen von Cairns auf, wo unsere heutige Schnorchel-Tour zum Great Barrier Reef startet. Ein Fußweg von ungefähr 20 Minuten trennt uns vom Hafen. Unterwegs flattert eine riesige Fledermaus bzw. ein Flughund an uns vorbei. Vermutlich ist die Nachtschicht zu Ende und sie sucht ein gemütliches Plätzchen, wo sie über den Tag abhängen kann. Am Hafen melden wir uns an und gehen an Bord. Uns werden direkt Flossen, Taucherbrille und Schnorchel überreicht. Die Einweisung soll später erfolgen. Unter Deck steht ein großes Tablett mit frischem Obst und diversen Keksen für uns bereit. Tee und Kaffee gibt es am Tresen gegenüber. Die Fahrt zum Riff wird etwa zwei Stunden dauern. Wir haben bis dahin noch ein bisschen Papierkram zu erledigen. Wir werden gefragt, was wir heute machen und welchen Versicherungsbogen wir demnach brauchen. Wir antworten „Nur schnorcheln für uns heute.“ Die Dame mit den Zetteln guckt ein bisschen entsetzt. „Wieso denn NUR? Ihr geht heute SCHNORCHELN! Am Great Barrier Reef noch dazu!“ Den Rest der Zeit verbringen wir mit dem ein oder anderen kurzen Gespräch oder wir hören einfach bei der Einweisung für die Taucher zu. Für uns gibt es nur ein paar wenige und kurze Hinweise, als das Boot das Riff erreicht.

Kurz vor dem Riff kriegen wir Bescheid, dass wir uns jetzt umziehen sollten. Ich schlüpfe in meine Badehose und ziehe mit etwas Mühe den Ganzkörper-Anzug drüber. Der hilft ein bisschen mit dem Wärmehaushalt, seine Hauptaufgabe ist aber der Schutz gegen weniger nette Quallen, die sich auch gelegentlich mal zum Riff verirren. Dann geht’s auch schon los. Bartkante mit Vaseline einschmieren, damit die Brille besser schließt, Auftriebshilfe auf den Rücken schnallen, Anti-Beschlag-Flüssigkeit in der Brille verteilen, Brille auf den Kopf, Flossen an die Füße und Platsch. Wir treiben wie eine Horde schwarzer Frösche durch das strahlend blaue Wasser. Unter uns liegt das Great Barrier Reef. Ich verliere immer mal wieder Lulu aus den Augen. Klappt ja super, gegenseitig aufeinander aufzupassen. So richtig erfreut ist sie darüber nicht und macht irgendwann ihr eigenes Ding.

Wer jetzt an eine Landschaft aus bunt leuchtenden Farben denkt, liegt etwas daneben. Der Großteil der Landschaft ist eher in Grau- bis Ockertönen gehalten. Hier und da gibt es aber auch Farbtupfer. Dafür ist es bei den Fischen andersherum: Einige schillern im gewohnten Grau bis Silber. Viele leuchten uns aber in knalligen Farben entgegen. Zum Glück haben wir uns eine Unterwasserkamera ausgeliehen, um das festhalten zu können. Ganz einfach gestaltet sich die Sache aber nicht, da wir dem Wellengang ausgesetzt sind und diese frechen Fische auch nicht stillhalten wollen. Seesterne und Seegurken sind dagegen deutlich einfacher zu erwischen. Das Schnorcheln klappt besser als auf Rottnest Island, wo immer wieder Wasser im Schnorchel stand. Zwischendurch sehe ich immer wieder, dass Crewmitglieder das Riff untersuchen und vermessen. Ich frage mal nach, was sie da tun. Mir wird erklärt, dass die Firmen, die das Riff ansteuern, eine Art Patenschaft für „ihr Stück“ vom Riff übernommen haben. Einige wissenschaftlich geschulte Mitarbeiter tauchen immer wieder dieselben Routen ab und notieren Korallengrößen und -farben sowie eventuelle Schäden am Riff.

Beim Mittag erzählt Lulu, dass sie in der Ferne zwei Delfine gesehen hat, die genau einmal aufgetaucht sind. Ja, nee, ist klar… Ebenfalls beim Mittag treffen wir ein bekanntes Gesicht. Zumindest mir kommt es bekannt vor. Lulu meint nur „Kann nicht sein.“ Ich gehe mal rüber, um die Sache zu klären. „Entschuldigung, das mag jetzt eine komische Frage sein, hast du Mitte Januar Führungen im Milford Sound geleitet?“ Er grinst. „Ja, warum?“ Ich erkläre ihm, dass er uns von seiner Begeisterung für Seegurken erzählt hat, als er uns durchs Unterwasser-Observatorium geführt hat. Sein Arbeitsvisum für Neuseeland ist in der Zwischenzeit abgelaufen und die Saison am Milford Sound ist sowieso mittlerweile vorbei, deshalb hilft er heute hier an Bord mit und füllt unter anderem das Essen am Buffet nach. Wir wechseln noch ein paar Worte, bevor er wieder zurück in die Kombüse muss. Kaum haben wir aufgegessen, haben wir den zweiten Stopp erreicht. Also wieder rein in den kühlen, nassen Anzug und ab ins Wasser.

Am zweiten Schnorchel-Spot ist der Wasserstand so niedrig (oder das Riff liegt so hoch), dass wir nur bis zum Rand schnorcheln können, aber nicht über das Riff. Also halten wir uns immer am Rand. Hier und da gibt es kleine Täler, die weiter in das Riff hineinführen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Mitschnorchelnden das auch zulassen. Viele von denen schwimmen einfach drauf los, wodurch wir immer mal wieder eine Flosse in die Seite oder ins Gesicht kriegen. Selbst eine der Schnorchel-Guides schafft es, ihre Gruppe direkt in uns hineinzuführen. Wir überleben aber auch das und irgendwann ist auch die zweite Schnorchelrunde vorüber. Das Boot tritt die etwa zweistündige Fahrt zurück zum Hafen an. Für uns stehen wieder Kekse, Obst, Tee und Kaffee bereit. Die Crew versucht, die Zeit mit einem Vortrag über Korallen und das Riff zu überbrücken.

Vom Hostel gehen wir nochmal einkaufen. Wir wollen in den nahegelegenen Supermarkt. Den Eingang zum Einkaufszentrum finden wir aber erst auf der Rückseite, als wir schon zu zwei Dritteln um das Gebäude herumgelaufen sind. Zum Glück ist drinnen der Supermarkt ausgeschildert. Wir besorgen Abendbrot und versuchen, wieder aus dem Einkaufszentrum herauszukommen. Das ist gar nicht so einfach, da einige Flügel des Gebäudes schon etagenweise abgesperrt sind. Wir kommen letztendlich aus dem Eingang heraus, der am dichtesten am Hostel liegt. Leider ist der Bahnhof im Weg und es gibt keine Unterführung oder Brücke, um die Gleise zu überqueren. Also drehen wir eine extra große Runde bis zum nächsten Bahnübergang. Da hätten wir das Gebäude auch auf der Rückseite verlassen können, wo wir es betreten haben. Endlich zurück im Hostel bereiten wir das Abendessen zu: Wir haben ein Tütchen mit geschnittenen Kartoffeln, Zwiebeln, Zucchini, Möhren, Pilze und dazu Pulled Pork aus der Dose. Alles nacheinander in die Pfanne geben und warten, bis es eine nette Bräunung annimmt. Dafür, dass wir keinerlei Gewürze verwendet haben, ist es ganz gut geworden. Nur einige der größeren Kartoffelstückchen sind noch etwas bissfest. Wir treffen eine der Taucherinnen wieder. Sie erklärt uns, wo wir heute genau waren, nämlich am Hastings Reef. Im Zimmer kommen wir sogar noch mit unseren Mitbewohnerinnen ins Gespräch. Sie kommen aus den USA und eine von beiden wohnt momentan in Neuseeland.

06.04.

Zum Glück klingelt der Wecker heute erst um 6:30 Uhr. Wir können fast so etwas Ähnliches wie ausschlafen. Die anderen beiden Mädels hatten zum Glück ähnliche Pläne. Um 7:00 Uhr werden wir vom Bus für unsere heutige Tour eingesammelt. Zunächst klappern wir alle Hostels in Cairns ab, bis alle an Bord sind. Josh, unser Guide und Fahrer, erzählt immer wieder hier und da ein paar Sachen zu Dingen, an denen wir vorbeifahren. Seine Ansagen enden oft mit dem Scherz, dass er jetzt wieder die Klappe hält und uns wieder schlafen lässt. Es ist in der Tat recht ruhig im Bus. Sind wohl alle noch nicht wirklich wach. In Port Douglas machen wir direkt hinter den Dünen eine Pause mit Snacks, Tee und Kaffee. Wo die Runde gerade so nett beisammen steht, fordert Josh die Leute in zufälliger Reihenfolge dazu auf, irgendeinen interessanten Fakt über sich preiszugeben. Bei einigen ist es nur das Alter und das Herkunftsland. Dagegen sind mein „Ich war mal Rettungsschwimmer“ und Lulus „Ich komme aus einem Staat, den es nicht mehr gibt“ nahezu originell.

Nach der Pause ist die Gesellschaft im Bus deutlich lebhafter. Der Kaffee wirkt anscheinend. Wir fahren an Zuckerrohrplantagen vorbei und beobachten, wie die Vegetation immer tropischer wird. Nach heftigen Regenfällen gab es hier in der Gegend zahlreiche Erdrutsche. Josh zeigt im Vorbeifahren immer wieder aus dem Fenster auf Wasserfälle, die aus den Erdrutschen entstanden sind. Das ursprüngliche Ziel der heutigen Tour, Cape Tribulation, können wir aufgrund der Erdrutsche nicht ansteuern. Dort bzw. auf dem Weg dorthin sind die Aufräumarbeiten noch im Gange.

Der Bus hält und alle steigen aus. Eine Bootsfahrt auf dem Daintree River steht uns bevor, in der Hoffnung, Krokodile zu sehen. Wir treffen auf einen anderen Bus desselben Veranstalters. Alle suchen sich einen Platz und schon geht’s los. Der Captain steuert auf das gegenüberliegende Ufer zu und schafft es sich direkt in den ersten fünf Minuten festzufahren. Warum er dieses Manöver veranstaltet hat, wird erst klar, als er ans Ufer zeigt. Dort liegt ein kleines, gut getarntes Krokodil. Ein Stückchen weiter ruht sich das nächste kleine Krokodil aus. Damit haben wir jetzt schon mehr Glück als die Gruppe vor ein paar Tagen, die auf der ganzen Tour kein einziges Krokodil zu Gesicht bekommen hat. Wir biegen in einen schmalen Seitenarm ab. Krokodile kriegen wir hier nicht zu sehen. Dafür gibt der Captain eine Geschichte nach der anderen zum Besten, wie Krokodile Boote angegriffen oder Ecken herausgebissen haben, ins Boot gesprungen sind und in einem Fall auf den Hund, der immer an Bord ist, als Appetithappen verschlungen haben. Lulu und ich rätseln, was wir mit diesem Wissen nun anfangen sollen. Ich beschließe, dass es wohl das Beste ist, wenn ich den Truckerellenbogen nicht allzu weit über die Reling hängen lasse. Wir kehren vom Seitenarm zurück auf den Hauptstrom und finden gegenüber ein erwachsenes Krokodil-Weibchen, das am Ufer döst. Ausgewachsen kann man bei Krokodilen jedoch nicht sagen, da sie immer weiter wachsen, je älter sie werden. Nachdem alle genug gestaunt und ausreichend Fotos geschossen haben, folgt noch ein kleines Stück Bootsfahrt, bevor wir den Anleger erreichen, wo Josh schon mit dem Bus aus uns wartet.

Alle hopsen in den Bus und wir setzen unsere Fahrt in den Daintree Nationalpark und den Daintree Regenwald fort. Josh erzählt uns stolz, dass wir uns hier im ältesten Regenwald der Welt befinden, was auch seinen besonderen Artenreichtum begründet. Eine lokale Schönheit, ein Helmkasuar-Weibchen stolziert aus dem Unterholz heraus und ein Stück die Straße entlang. Ein Auto steht bereits da und weiß nicht ganz, was es tun soll. Josh bremst auch ab und fährt nur noch Schrittgeschwindigkeit. Zum Einen, damit wir bessere Fotos machen können, zum Anderen, um das Vieh nicht in Rage zu versetzen. Wenn die nur halb so gefährlich sind, wie sie aussehen, dann gute Nacht. Josh öffnet die Seitentür vom Bus, damit ich Fotos ohne reflektierende Scheibe dazwischen machen kann. „Aber du steigst nicht aus. Sie sieht nicht gut gelaunt aus.“ „Ich doch nicht. Seh ich so lebensmüde aus?“ Als sie sich nochmal umblickt, warnt Josh vor dem Schließen der Tür und tritt aufs Gas.

Ein Stückchen weiter erreichen wir unseren heutigen Wendepunkt: Einen Rundweg, der auf Planken durch den Regenwald führt. Josh gibt wieder sein Wissen zum Besten: Zu symbiotischen Beziehungen, die hier zu sehen sind. Zu den Flughunden in den Bäumen und den Mud Crabs, die hier überall über den Boden flitzen. Zu den Mangroven, die mit ihrem Wurzelsystem die Versandung des Great Barrier Reefs verhindern. Und zu vielen weiteren Dingen, die man sich aber unmöglich alle auf einmal merken kann. Die riesigen Flughunde, die hier überall an den Bäumen hängen, sind schon ein echtes Highlight. Uns beschleicht aber so langsam das Gefühl, dass einige aus der Gruppe nur für das schnelle Foto dabei sind. Zumindest rasen sie recht uninteressiert durch den Wald. Zuerst schaffen wir es, uns dagegen zu wehren und schlendern in aller Ruhe mit Josh hinterher. Auf dem Rückweg zum Bus lassen wir uns aber dummerweise von den anderen anstecken und gehen auch recht hastig zurück. Wir kommen zwar als einige der Letzten am Bus an, dennoch dauert es noch eine ganze Weile, bis der Regenwald auch Josh wieder ausspuckt.

Vielleicht wurden die Leute auch nur vom Hunger angetrieben. Zum Glück ist der nächste Tagesordnungspunkt das Mittagessen im Dschungel-Restaurant. Heute früh durften wir dafür schon auswählen zwischen Steak, Hühnchen-Wrap oder einer vegetarischen Nudelkreation. Auf meinem Teller landet das Steak und, zur Überraschung aller, auch auf Lulus Teller. Der Rest hat sie noch weniger überzeugt. Dazu sollen wir unbedingt mal den Daintree-Tee probieren, der wird uns umhauen. Wir Banausen können allerdings keinen wirklichen Unterschied zu „normalem“ Schwarzen Tee feststellen.

Nach dem Essen steht Baden im Regenwald auf dem Plan. Direkt hinter dem Restaurant liegt der Zugang zu einer Badestelle in einem Fluss. Josh versichert allen nochmal, dass es noch nie ein Krokodil so weit den Strom hinauf geschafft hat. Hinter dem natürlichen Pool gibt es eine Stromschnelle, die sich als Wildwasserrutsche nutzen lässt. Jeder darf ein paar Mal rutschen. Dann werden natürliche Gesichtsmasken aus dem hier vorhandenen Ton von Josh verteilt. In meiner jugendlichen Frische beschließe ich, dass ich die nicht brauche. Irgendwann gibt Josh das Zeichen zum Aufbruch. Alle stürzen los, ich bin der Letzte in der Schlange, um aus dem Wasser zu kommen. Josh reicht allen die Hand, damit keiner am Ufer ausrutscht. Als ich auch irgendwann draußen bin, meint er, ich solle mich nicht hetzen lassen und nachkommen, wenn ich soweit bin. Dann verschwindet er. Ich trockne mich ab und ziehe mir trockene Sachen an. So stehe ich für einen kurzen Moment ganz allein und splitterfasernackt im australischen Regenwald.

Auf Wunsch der französischsprachigen Schweizer Mädels machen wir einen Abstecher zum Strand. Ihr großes Thema des Tages sind Kokosnüsse. Josh und einige der Jungs versuchen, Kokosnüsse von den nahegelegenen Bäumen runterzuholen. Plötzlich taucht der stillste Teilnehmer der Tour in der Ferne mit einer Kokosnuss in der Hand wieder auf. Wenn sie schon am Boden liegt, muss man sie nur nach Hause tragen. Josh pult die äußeren Schichten ab. Am Kern angekommen ist die Diagnose aber nicht so gut: „Die riecht schon nach vergammelter Milch.“ Da können wir uns die restliche Arbeit zum Öffnen sparen. Zwei Mädels kommen vom anderen Ende des Strands zurück, ebenfalls mit einer Kokosnuss unter dem Arm. Die sieht etwas frischer aus und auch nach dem Entfernen der äußeren Schichten riecht sie immer noch gut. Jeder darf mal ran und eine Schicht abziehen. Den Rest übernimmt Josh dann wieder. Wer möchte, darf jetzt frisches Kokoswasser direkt aus der Nuss probieren oder auch vom Fruchtfleisch, nachdem das Wasser leer ist. Schmeckt gar nicht schlecht, dafür dass ich immer dachte, dass ich kein Kokos mag…

Der letzte Stopp für heute ist eine kleine Überraschung für uns. Ein Kumpel von Josh stellt auf seiner Plantage im Regenwald Eiscreme her. Außerdem schuldet der besagte Kumpel ihm noch einen Gefallen. Zumindest erzählt Josh die Geschichte so. Könnte natürlich sein, dass er sie morgen wieder genauso erzählt. Egal, es gibt heute für alle in unserer Gruppe einen kostenlosen Probierbecher Eis in Geschmacksrichtungen der Plantagenfrüchte: Kokos, Passionsfrucht, Yellow Sapote / Canistel und Wattleseed. Kokos und Passionsfrucht schmecken genauso, wie man es sich vorstellt. Canistel schmeckt hauptsächlich süß und geht ungefähr in die Richtung von Vanilleeis. Wattleseed geht ein bisschen in die Kaffeerichtung. Als ich mit meinem Eis fertig bin, verschwinde ich mal auf dem Töpfchen, bevor alle anderen aus dem Bus auf dieselbe Idee kommen. Als ich zurückkomme, ist Lulu in ein Gespräch mit dem stillen Jungen, Finder der ersten Kokosnuss, vertieft. Stellt sich raus, er kommt aus Berlin. Mich beschleicht der Verdacht, dass Berliner sich gegenseitig wittern können.

Die Heimfahrt steht an. Josh hat lustige Spiele für den ganzen Bus im Gepäck. Zuerst spielen wir Categories, ein bisschen wie Stadt, Land, Fluss aber durchgeschüttelt. Es wird immer nur eine Kategorie gespielt, der Anfangsbuchstabe ist egal und alle schreiben in vorgegebener Zeit so viele Vertreter der Kategorie auf, wie ihnen einfallen. Wir spielen in Gruppen: Vordere, mittlere und hintere Sitzreihen gegeneinander. Den Anfang macht die Kategorie Australische Tiere. Dank uns hat unsere Gruppe das gefährlichste Tier Australiens, den Drop Bear, auf ihrer Liste. Ein ganz gemeines Viech und ein entfernter Verwandter des Koalas, dem schon viele Touristen zum Opfer gefallen sind. Er erlegt seine Beute, indem er sich vom Baum auf den Kopf seiner Opfer fallen lässt, daher auch sein Name. Josh grinst und gibt uns großzügig einen Bonuspunkt (auch wenn sich keiner merkt, wer wie viele Punkte hat). Schon die zweite Kategorie – Länder – sorgt für Kontroversen. Joshs Definition „Alles was ein definiertes Gebiet und eine Regierung hat“ ist auch nicht besonders hilfreich. Im Stillen zweifle ich an, dass Schottland, England, Wales und Nordirland eigenständige Länder sind, erst recht, wenn auf derselben Liste auch noch Großbritannien steht. Ich will aber auch niemandem den Spaß verderben und behalte Meck-Pomm, Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen usw. für mich. In der dritten Runde geht es um Sexstellungen. Naja, semi-lustig… Als zweites Spiel hat Josh ein Musikquiz am Start. Er spielt einfach zufällig Lieder an und alle brüllen den Titel, den Interpreten oder den Film oder die Fernsehserie, dessen Titelmelodie es ist, nach vorne.

Alle werden in umgekehrter Reihenfolge abgesetzt, wie sie aufgesammelt wurden. Somit sind wir die Letzten im Bus. Wir bedanken uns bei und verabschieden uns von Josh. Es ist mittlerweile nach 20 Uhr. Hunger haben wir beide heute nicht mehr, dafür müssen wir noch Sachen packen. Ich telefoniere zum Geburtstag mit meinem Papa. Lulu findet derweil auf und in ihrem Bett und Rucksack Ameisen. So unterschiedlich gut kann ein Tag zu Ende gehen.

07.04.

Weil frühes Aufstehen so großartig ist, klingelt heute der Wecker wieder um 6:15 Uhr. Um 7 Uhr soll das Taxi zum Flughafen kommen. Leider ist es nicht ganz pünktlich. Wir gucken ein bisschen besorgt die Straße auf und ab, wir haben schließlich einen Flieger zu kriegen. Fünf Minuten später steht das Taxi dann aber vor uns und alles ist gut. Nach zehn Minuten Fahrt, Check-in, Gepäckabgabe und Sicherheitskontrolle sitzen wir am Flughafen von Cairns. Ich besorge mir einen Kaffee und dann snacken wir unsere Reste weg. Nach dem Start überfliegen wir nochmal das Great Barrier Reef und genießen den Blick hinunter.

Wir landen in Brisbane und rätseln, welches Nahverkehrsticket wohl das Beste für uns wäre. Als wir endlich gedanklich unsere Auswahl getroffen haben und uns in die Schlange stellen, kommt eine Helferin auf uns zu. „Wohin wollt ihr?“ Wir zeigen ihr auf der Karte, wo unsere Unterkunft liegt. „Da nehmt ihr am besten zwei Tickets mit Rückfahrt, dann ist es günstiger.“ Als wir am Schalter sind, teilt sie der Kollegin auch direkt „unsere“ Entscheidung mit. Die fängt auch direkt an einzutippen. „Entschuldigung, Moment, wir haben von einem 3-Tages-Ticket gelesen, das auch jeweils eine Fahrt vom und zum Flughafen erlaubt. Wenn wir die nächsten Tage noch in Brisbane mobil sein wollen, wäre das nicht besser?“ Die Schalterdame guckt ein bisschen genervt. „Was wollt ihr denn nun? Hin und zurück oder das 3-Tages-Ticket?“ Wir hätten auf ein bisschen mehr Beratung gehofft, statt einfach nur den Standard zu verhökern, aber gut, dann nicht. Wir bleiben bei dem 3-Tages-Ticket. Das ist zwar etwas teurer, aber dann müssen wir uns in den nächsten Tagen keine Gedanken mehr um den Nahverkehr machen. Am Hauptbahnhof von Brisbane steigen wir von der Bahn in den Bus um. Anscheinend hat Brisbane das Straßennetz für Busse vom normalen Verkehr entkoppelt. Streckenweise sind keine anderen Autos zu sehen und wir fahren durch viele Tunnel, die nicht so aussehen, als wären sie für den öffentlichen Verkehr freigegeben.

In die Unterkunft dürfen wir erst ab 14 Uhr einchecken. Zum Glück ist gleich um die Ecke ein Café, wo wir direkt als Deutsche erkannt werden. Die Chefin hat deutsche Wurzeln. „Jeder, der in Australien wohnt, kommt schließlich irgendwo her. Selbst die Ureinwohner…“ Wir sollen unsere großen Rucksäcke einfach hinter der kleinen Tür stehen lassen, die damit komplett verkeilt ist. „Die Leute werden das große Tor schon finden.“ Wir suchen uns oben auf der Galerie einen Platz. Mit den Rucksäcken wäre es hier wirklich zu eng gewesen. Die Chefin bringt unsere Getränke und wir erzählen noch kurz mit ihr. Ihre Tochter reist so gern, daher wusste sie, wie gern wir die Rucksäcke loswerden wollten. Wir erzählen von unserer bisherigen Reise und, dass wir leider nicht allzu viel Zeit für Brisbane haben werden.

Mittlerweile ist es 14:20 Uhr und das Café ist eigentlich seit 20 Minuten geschlossen. Wir brechen dann mal zur Unterkunft auf. Einmal um die Ecke und schon sind wir da. Das Haus sieht etwas merkwürdig aus. Eine Klingel gibt es auch nicht. Wir klopfen mal… Nichts rührt sich. Plötzlich kommt unser Gastgeber, Dane, durch das kleine Gartentor neben dem Haus, führt uns nach hinten und zeigt uns unser Reich für die nächsten beiden Nächte: Ein kleiner Wohnanhänger mit Klimaanlage, Kühlschrank, Bank, Tisch, Bett und Spüle mit Pumpwasserhahn. Sieht doch gar nicht so schlecht aus. Er zeigt uns noch, wo wir im Haus Wäsche waschen können, wir bedanken uns für die Einweisung und er verschwindet wieder.

Wir sammeln den ersten Waschgang zusammen, stellen die Maschine an und gehen zum nächsten Supermarkt. Die ersten Kleinigkeiten finden sich recht schnell, aber wir brauchen auch noch Mückenspray für Indonesien. Es dauert eine Weile, bis wir das richtige Regal dafür gefunden haben. Dann brauchen wir eine halbe Ewigkeit, um uns für ein Spray zu entscheiden. Mit einem Auge gucken wir auf die Wirkstoffe und versuchen herauszufinden, welche für Indonesien empfohlen sind. Mit dem anderen Auge gucken wir auf die Internetseiten der Airlines, um herauszufinden, in welchen Mengen man Spraydosen im Flugzeug mitnehmen darf. Am Ende der halben Ewigkeit entscheiden wir uns für Bushman – Tropical Strength. Alle außenstehenden fragen sich bestimmt, was die komischen Deutschen da die ganze Zeit treiben. Vom Supermarkt biegen wir nochmal in ein Spirituosengeschäft ab, auf der Suche nach einer netten Flasche Wein für den Abend.

Zurück am Wohnwagen flitzt direkt nach dem Öffnen der Tür ein Gecko hinein. Na toll… Außerdem entdecken wir überall Ameisen. Das kann ja was werden… Die Waschmaschine wird auch erst fertig, als es schon dämmert. Wir hängen die Wäsche trotzdem auf die Wäschespinne im Garten. Wird schon irgendwie trocken werden. Es sei denn, es fängt noch während des Aufhängens der Wäsche an zu gewittern… Was nun? Eine kurze Recherche (im trockenen Wohnwagen) zeigt einen Waschsalon an, der nur 10-15 Minuten entfernt ist. Der Regen hat mittlerweile natürlich wieder aufgehört. Am Horizont zucken noch Blitze und es ist mittlerweile komplett dunkel. Ein kleiner Spaziergang wird uns bestimmt gut tun. Im Waschsalon füllen wir einen Trockner und stellen ihn an. Dann bestellen wir nebenan unser Abendbrot. So richtig Lust auf Kundschaft versprüht die Dame nicht. Hoffentlich stören wir sie nicht bei irgendwas Wichtigem. Als das Essen fertig ist, zeigt auch der Trockner nur noch wenige Minuten an. Wir sammeln alles ein und machen uns auf den Weg nach Hause.

Am Horizont hängt immer noch das Gewitter. Donner hören wir aber nicht und der Regen bleibt auch aus. Dafür segeln Flughunde durch die Gegend. Der Tag endet mit dem Essen der unwilligen Verkäuferin, einer Flasche Wein, ein bisschen Indonesien-Planung und Netflix im Wohnwagen.

08.04.

Beim morgendlichen Gang zur Toilette im Haupthaus läuft mir Dane über den Weg. Er fragt, ob alles in Ordnung sei und ob wir alles haben, was wir brauchen. Ich erzähle ihm von den Ameisen, die quer durch den Wohnwagen krabbeln. Richtig überrascht wirkt er nicht und so wirklich motiviert, irgendwas dagegen zu tun, wirkt er auch nicht, weder für uns noch für eventuell nachfolgende Gäste. Als wir im Café um die Ecke frühstücken wollen, müssen wir feststellen, dass die heute Ruhetag haben. Das nächstgelegene Café hatte heute laut Mann hinterm Tresen einen sehr geschäftigen Morgen, weswegen sie nur noch ein sehr begrenztes Speiseangebot haben. Zu allem Überfluss hätte es keine Getränke ohne Kaffee gegeben, was Lulu weiter verstimmt. Also ziehen wir weiter. Dabei kommen wir an einem Herrenfrisör vorbei: Merken für später und weiter geht die Frühstückssuche. Drei Türen weiter werden wir bei Mr. Alpaca fündig. Nachdem ich aufgegessen habe, lasse ich Lulu mit der Indonesien- und Japan-Planung allein zurück und gehe zum Frisör. Hier spreche ich zum Glück noch die Landessprache und kann dem Frisör mitteilen, was ich möchte. In den nächsten Monaten wäre das etwas schwieriger. Nach einer Weile kommt tatsächlich wieder ein menschlicher Kopf unter dem 3-Monats-Busch zum Vorschein. Ich sammle Lulu am Café ein und wir fahren weiter in die Innenstadt.

Wir suchen luftig-dünne, lange, helle Kleidung. Luft-dünn soll sie sein, damit wir uns nicht zu Tode schwitzen. Lang soll sie sein, damit sie uns vor Sonne und zu einem gewissen Grad auch vor Mücken und ähnlichem Getier schützen kann. Hell sollte sie sein, weil Mücken anscheinend lieber auf dunkle Kleidung losgehen. Außerdem sieht man die Biester dann besser, wenn sie irgendwo auf dem Körper sitzen. Als wir halbwegs glücklich mit unseren Funden und Einkäufen sind, belohnen wir uns mit einer Eisschokolade aus der Noosa Chocolate Factory.

Wieder zu Hause waschen wir die neu gekauften Klamotten einmal durch, zusammen mit ein paar Stücken, die gestern nicht mehr in die Maschine gepasst haben. Es ist noch hell und es droht auch kein Gewitter. Dann können wir die Wäsche wohl im Garten aufhängen. Wo wir gerade dabei sind, reinigen wir auch gleich noch einige Teile unserer Ausrüstung, wie z.B. Stiefel, Zelt, Isomatten usw. Zum Abendessen gibt es heute Ramen. Danach wird alles gepackt, was trocken ist und nicht mehr gebraucht wird. Beim letzten Toilettengang des Tages erschrecken wir zuerst ein Possum auf dem Dach (und es uns auch) und dann bellt uns auch noch Bentley, der Hund des Hauses, an. Zum Glück lässt er sich schnell wieder besänftigen.

09.04.

Die Nacht war nicht besonders lang und auch nicht besonders erholsam. Alles, was über Nacht kribbelt oder kitzelt, weckt Gedanken an Ameisen. Morgens gehen wir erstmal duschen, dann verpacken wir die restlichen Dinge und verabschieden uns von Dane. Das Café, das gestern Ruhetag hatte, ist heute zum Glück wieder geöffnet. Wir werden auch direkt wiedererkannt und dürfen mit unseren großen Rucksäcken wieder die kleine Tür verbarrikadieren. Das Frühstück ist wieder lecker und der Kaffee sowieso.

Wir brechen auf zu unseren letzten Fahrten in Australien. Zuerst fahren wir in die Innenstadt. Dort habe ich gestern einen Kameraladen gesehen. Wir brauchen zusätzliche Speicherkarten und vielleicht können die den Sensor reinigen und so etwas gegen die Flecken machen, die auf vielen Bildern immer an derselben Stelle sitzen. Bei den Speicherkarten wirkt der Verkäufer recht kompetent. Den lasse ich auch an den Sensor ran. Er meint, etwas Staub erkennen zu können, zückt einen kleinen Blasebalg und gibt damit ein paar Luftstöße auf den Sensor ab. Noch ein Blick ins Gehäuse und er erklärt, dass es jetzt besser sein müsste als vorher. Ich nehme zusätzlich zu den Speicherkarten auch noch so einen kleinen Blasebalg für die weitere Reise mit.

Der Hauptbahnhof ist gleich um die Ecke und wir steigen in den Airport Express ein. Der macht seinem Namen leider überhaupt keine Ehre und fährt einfach nicht los. Es gibt eine Durchsage, die wir aber nicht verstehen. Alle anderen in unserem Wagen springen auf und wechseln in die Bahn gegenüber. Das wiederum verstehen wir und tun es ihnen gleich. Trotz der Verzögerung sind wir immer noch etwas zu früh am Flughafen. Der Schalter für unseren Flug ist zwar noch geschlossen, trotzdem hat sich schon eine Schlange davor gebildet. Wir stellen uns einfach mal mit an.

Als wir dran sind, fragt die Dame hinter dem Schalter nach unserem Visum für Indonesien und der geplanten Ausreise. Anscheinend reicht es, wenn Lulu ein Visum und Weiterreiseticket hat. Meine Unterlagen interessieren hier niemanden. Vor der Sicherheitskontrolle müssen wir noch unsere letzten Quetschis ausschlürfen. Die dürfen nicht mit. Dann bin ich aber ein wenig überrascht. Ich schaffe es im ersten Anlauf durch die Sicherheitskontrolle: Kein Gürtel und keine Uhr vergessen, nichts in den Taschen vergessen, keine Schuhe ausziehen, nicht zufällig zur Nachkontrolle rausgezogen werden. Von unseren letzten australischen Dollars kaufen wir noch zwei Muffins. Das verbleibende Kleingeld werfen wir in eine der Spendenboxen. Dann warten wir nur noch darauf, dass unser Flug nach Bali zum Boarding aufgerufen wird. Das war Australien. Tschüß, es ist uns eine Freude, dich überlebt zu haben.